Alles läuft schief, ganz nach Plan

22. August 2003, 10:40
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US-Autor Don DeLillo hat mit "Cosmopolis" seinen bislang düstersten Roman geschrieben

Wer kürzlich im Kino Spike Lees Spielfilm 25 Stunden sah, der konnte ahnen, wie schwer das ist: ein traumatisches Ereignis wie 9/11 in den jüngsten Erzählungen nicht zu meiden wie ein schwarzes Loch, sondern es vielmehr in jene Landschaft zu integrieren, durch die in Hinkunft auch jene fiktiven Charaktere wandeln und stolpern, die ihrerseits ja wieder auf das rekurrieren, was den modernen Menschen heute ausmachen mag - egal, ob er sich nun dem amerikanischen Zeitalter verbunden fühlt oder ob er mehr oder weniger unreflektiert davon betroffen ist. Lee hat in seine Geschichte eines "letzten Tages" (der Held muss als einst erfolgreicher Drogendealer ins Gefängnis) Ground Zero als Schutthalde in teilweise unscharfe Hintergründe gerückt, die auch für die kollabierte Existenz des Protagonisten stehen können. Alles fiel wortwörtlich in eins zusammen, ohne dass man jemals die Worte "Terror" oder "Twin Tower" strapazieren musste.

Als vor mehreren Monaten Don DeLillos neuer Roman Cosmopolis angekündigt wurde und dass dieses Buch im New York des Jahres 2000, vor 9/11 also, spielen werde, ergab dies im Internet in einschlägigen Fan-Communities bereits Anlass zu heftigen Mutmaßungen. Ähnlich wie die Philosophen Jean Baudrillard ("Willkommen in der Wüste des Realen!") und Paul Virilio ("Kino und Krieg") ist DeLillo einer jener Denker, die in ihren Analysen angesichts von Ground Zero zweifelsohne eingeholt wurden:

Egal, ob er in Romanen wie Weißes Rauschen, Die Namen oder Libra jene Verschwörungsszenarien skelettiert hatte, die vor ihm Thomas Pynchon so kunstvoll aus der US-Paranoia der 60er und 70er in die Literatur überführte. Oder ob er, zunehmend rigide den Tonfall versachlichend, die Diskrepanz zwischen menschlichen Körpern (und deren Eigensinn) und überwältigend beschleunigten Zeit- und Medienerfahrungen spürbar werden ließ: siehe im Frühwerk etwa die böse Posse Running Dog, in der Found Footage aus dem Führerbunker plötzlich wie ein Kunstobjekt gehandelt wird, oder zuletzt das Epos Unterwelt, in dem gewaltige Variationen über den omnipräsenten US-Nationalsport Baseball auf Mutmaßungen über ein verschollenes Werk von Sergej Eisenstein prallten. Schon in Mao II hatte sich DeLillo in frostiger Voraussicht auf das Terrain von Terror, Krieg und den damit einhergehenden Lesarten von (medial vermittelter) Realität vorgewagt. Und jetzt, mit Cosmopolis, setzt er genau hier fort: Bezeichnenderweise, indem er die Handlung auf einen (imaginären) Tag im April 2000 verlegt, mitten in ein Manhattan, in das noch keine Wunde geschlagen wurde, so, als wolle DeLillo sich noch einmal die Freiheit nehmen, auf den Zusammenbruch hinschreiben zu können, ohne ihn beständig als blinden Fleck im Visier haben zu müssen. Aber natürlich ist das ein Kunstgriff, und natürlich wurde Cosmopolis nach seinem Erscheinen bevorzugt als eine der ersten literarischen Aufarbeitungen von Ground Zero gelesen - und wegen seiner bis an den Rand der Farce gehenden Drastik unüblich harsch kritisiert.

Wie Spike Lee konzentriert sich Don DeLillo auf den "letzten Tag" eines Karrieristen, der an den Rand seiner Möglichkeiten gerät und auch physisch erfährt, was das bedeutet: eingeschränkter Handlungsspielraum. Der Börsenhai und Yuppie Eric Packer, unverschämte 28 Jahre jung und in seinem perversen Selbstbewusstsein durchaus ein Verwandter von Brad Easton Ellis' American Psycho - er lässt sich in seiner Luxuslimousine zum Friseur chauffieren und gerät mitten in New York in einen Stau, in dem sehr sinnfällig und dabei durchaus plakativ amerikanische Widersprüche einander in den lärmenden Stillstand treiben.

Ein Besuch des US-Präsidenten bei einem Weltwirtschaftsgipfel löst Demonstrationen aus, in deren Rahmen auch Packers Limo, sein schützender Kokon, in dem er eine ganze Computersteuerzentrale installiert hat, an den Rand der Verschrottung gebracht wird. Gleichzeitig überstürzen sich in den TV-Nachrichten und in Packers privaten Info-Kanälen Meldungen über Ermordungen diverser Wirtschaftsbosse und Global Player, ein Trauerzug für einen verstorbenen Rap-Star tut sein Übriges zum Verkehrskollaps. Und irgendwo wird gerade ein Katastrophenfilm gedreht. Angeblich ist Packer an diesem Tag ein Attentäter auf den Fersen.

Cosmopolis liest sich passagenweise wie "hard boiled" Sciencefiction, dann kippt die Handlung wieder jäh in Karikaturen beständiger (Nicht-)Kommunikation. Die Heirat mit einer dichtenden Millionärstochter scheint für Packer ein Deal wie jeder andere gewesen zu sein. Er empfängt sie im zähen Verkehr wie seine Berater und Beraterinnen oder seinen Leibarzt, der ihn täglich auf mögliche lebensbedrohende Krankheiten kontrolliert, wobei es schon vorkommen kann, dass die Verabreichung eines Klistiers in Gegenwart einer Mitarbeiterin geschäftliche Verhandlungen in eigenwillige private Begehrlichkeiten umschlagen lässt: "Sex entdeckt uns. Sex durchschaut uns. Er reißt uns den äußeren Anschein vom Leib."

Der äußere Anschein und der beständig prüfende Blick nach Überwachungsmonitoren, ob man im Rahmen des Anscheins gute Figur macht: Sie sind allgegenwärtig in diesem Buch, dessen Protagonist irgendwann einmal die Rolle seines Lebens übernimmt. Beim oben erwähnten Katastrophendreh mischt sich Packer, der clevere, unantastbare Superstar seiner Branche, der sich soeben bei Spekulationen mit dem Yen verkalkuliert hat, unter ein Komparsenheer für eine Hollywoodproduktion: "Der Kopf platzte ihm schier von dem Versuch, sie sich alle in Wirklichkeit vorzustellen, unabhängig von ihrem Anblick auf einem Bildschirm in Oslo oder Caracas. Oder gab es keinen Unterschied zwischen hier und dort? Aber wozu diese Fragen stellen? Wozu diese Dinge sehen? Das isolierte ihn. Das sonderte ihn aus, und das wollte er nicht. Er wollte hier unter ihnen sein, ganz Körper, wie die Tätowierten, die behaarten Ärsche, die Stinkenden."

Unter allen am Reißbrett entworfenen Büchern Don DeLillos ist Cosmopolis vermutlich das konstruierteste. Jede Zufälligkeit ist ausgeschlossen, wie in einem Simulationsprogramm für Stadtplaner und Architekten. Alles läuft (auf handwerklicher Ebene) nach Plan - und dieser Plan läuft, ganz bewusst, auf der Ebene der Handlung fürchterlich schief. Oder einfach zu seinem logischen Endpunkt hin. Kurz: ein finsteres Buch, bis an den Rand der Unerträglichkeit, manchmal sogar Lächerlichkeit. Angriffslustig. Angreifbar. Man wird dieser Tage zwischen "erzählfreudigen", hoch gelobten Weichspülern wie John Irving oder Jeffrey Eugenides schwerlich Vergleichbares finden. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.8.2003)

Von Claus Philipp

  • Don DeLillo:CosmopolisAus dem Amerikanischen übersetzt von Frank Heibert. € 16,90/204 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003. Erscheint am 25. 8.

    Don DeLillo:
    Cosmopolis
    Aus dem Amerikanischen übersetzt von Frank Heibert. € 16,90/204 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003. Erscheint am 25. 8.

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