Gründerstimmung unter Iraks Zeitungsmachern

22. August 2003, 16:35
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Printmedien in der Post-Saddam-Ära sind so ziemlich alles, was ihre Vorgänger nicht waren: unabhängig, mutig, kritisch, bisweilen streng religiös. Es herrscht kreatives Chaos

Nichts sei besser geworden, seit die Amerikaner im Land sind. "Aber jetzt haben wir wenigstens die Freiheit neue, unabhängige Zeitungen zu produzieren", sagt Ishtar el Yassiri, Inhaberin von Habez Bouz, der einzigen satirischen Zeitschrift des Landes, mit einer Auflage von 3000 Stück und einem Umfang von acht Seiten. "Wir können drucken, was wir wollen, die Administration greift nirgendwo ein. Aber natürlich haben wir eigene Richtlinien", betont die junge Zeitungsgründerin in der Financial Times. In ihrem Blatt gebe es keine unanständigen Bilder und sie versuche, religiösen Gefühle nicht zu verletzen.

Davon unterscheidet sich ihr Medium weitgehend vom Rest der irakischen Presse. Die zeigt sich nämlich im Umgang mit Nachrichten wenig zurückhaltend. In mehrspaltigen Bildern wurden etwa die blutüberströmten Körper der von amerikanischen Streitkräften getöteten Söhne Saddam Husseins gezeigt. Dazu schrieb Al Assuar: "Die beiden Söhne hatten nur schlechte Eigenschaften. Dennoch fielen sie als Märtyrer, weil sie von der Hand der ungläubigen Amerikaner gefallen sind." Von Konsequenzen ist nichts bekannt.

Rund vier Monate nach dem Fall von Bagdad kann im Irak jeder eine Zeitung herausgeben. Zwischen 80 bis 100 Titel sollen erhältlich sein. Viele erscheinen unregelmäßig, es herrscht kreatives Chaos.

"Spione und Verräter"

Unumschränkte Pressefreiheit gibt es zwar auch nach Saddam Hussein nicht, im Printbereich schreitet die US-Regierung - im Gegensatz zum Fernsehen, wo wesentlich restriktiver vorgegangen wird - aber nur in Extremfällen ein. Etwa Ende Juli als Al Mustakil aufrief, mit den USA kollaborierende "Spione und Verräter" zu töten. Die Redaktion wurde versiegelt, ein Büromanager festgenommen.

"Kritik stört uns nicht", meinte Charles Hestley, Sprecher der US-Administration in Bagdad. "Aber das war eindeutig zu gefährlich und außerdem ein Rechtsbruch."

Derlei "Ausfälle" könnten sich aber letztlich doch auf die Beziehungen der beiden Völker auswirken. "Reporter ohne Grenzen" (RSF) wirft der US-Armee eine zunehmend feindliche Haltung gegenüber Journalisten im besetzen Irak vor.

Zeitungen in der Post-Saddam-Ära sind so ziemlich alles, was ihre Vorgänger nicht waren: unabhängig, mutig, kritisch, bisweilen streng religiös. Viele beleuchten den Horror des alten Regimes oder die Schwierigkeiten unter den jetzigen Bedingungen. Dabei dominiert mitunter weniger faktengetreue Recherche als vielmehr kolportierte Gerüchte und Spekulationen. Beispielsweise Berichte, Israel plane den Irak zu kolonisieren oder die jüngst Aufsehen erregende Geschichte, amerikanische Soldaten verfügten über Sonnenbrillen, die ihnen den Blick durch die Kleidung irakischer Frauen ermöglichten.

Ohne Telefon

Eine der angesehensten Zeitungen im Land wurde bis vor kurzem im Ausland gedruckt. Al Azzaman, 1997 in London ins Leben gerufen vom irakischen Journalisten Saad Bazaz. 1991 fiel der damals für die staatseigene Gazette Al Jumhurriya tätige Medienarbeiter in Ungnade und verließ das Land. Jetzt werden acht von zwanzig Seiten in Bagdad produziert.

Über steigende Popularität freut sich Iraq Today, eine der zwei englischsprachigen Zeitungen. "Es ist schwierig, genaue Informationen zu bekommen", Chefredakteur Mustafa el Rawi, nach dem Krieg zurück gekehrter Chefredakteur. Ohne Telefon, schlechter Internetverbindung, unausgebildeter Belegschaft kämpft Iraq Today wie alle anderen irakischen Printmedien jeden Tag aufs Neue um Nachrichten. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 16:717.8.2003)

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    Zwischen 80 und 100 Printtitel sollen im Irak mittlerweile am Markt sein, so genau weiß das niemand. Viele von ihnen erscheinen unregelmäßig oder gar nur einmal.

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