New York ohne Strom erlebt Renaissance für Münztelefone

21. August 2003, 22:21
posten

Rückgriff auf das Festnetz

Für New Yorker, die üblicherweise keine technische Neuerung auslassen, brach am Donnerstag mit dem größten Stromausfall in der Geschichte Nordamerikas eine Welt zusammen.

"Total hilflos und abgeschnitten"

"Ich stehe hier total hilflos und abgeschnitten herum", sagt Eric Dawson. Der Computer-Verkäufer sitzt mit tausenden anderen Menschen am Donnerstagabend vor der U-Bahn-Station Grand Central im Stadtteil Manhattan fest. "Ich habe jede denkbare Zusatzausstattung für mein Mobiltelefon. Ohne Kabel kann ich mich drahtlos mit dem Laptop ins Internet einklicken. Aber jetzt reicht es nicht einmal für ein Telefongespräch."

Unter dem Zusammenbruch der Energieversorgung leiden auch die technisch hoch gerüsteten Kommunikationswege. Einige Betreiber der Mobilfunknetze räumen Probleme in den Bezirken ohne Strom ein. Pendler, die der Stromausfall in der Rush-Hour auf den Straßen Manhattans auf dem Weg vom Büro nach Hause erwischt hat, drücken wieder und wieder die Tasten auf ihren Mobiltelefonen, um Angehörige zu erreichen - erfolglos. Erst Stunden später gibt es langsam wieder ein Durchkommen.

Vollständig im Dunkeln

In der Not besinnen sich die Handy-Besitzer auf eher altertümliches Gerät. Vor öffentlichen Münz- und Kartentelefonen bilden sich lange Schlangen. Andere suchen vollständig im Dunkeln liegende Gebäude nahe der Grand Central Station auf, in der Hoffnung, dort telefonieren zu können. Mit der spärlichen Beleuchtung von Display-Anzeigen etwa von tragbaren DVD-Playern versuchen sie, ihren Weg durch dunkle Eingangshallen zu finden.

Glücklich schätzen können sich jene, die fast schon aus der Mode gekommenes Gerät bei sich haben. Ein leitender Mitarbeiter der Investmentbank Merrill Lynch tauscht mit seiner Schwester an der Westküste der USA Informationen aus - via Pager, einem kleinen Gerät am Hosenbund, das praktisch ein Vorläufer der nun weit verbreiteten Kurzmitteilungen per Handy war. "Wir sitzen im Dunkeln, kannst du uns bitte auf den neuesten Stand bringen?", lautet der Hilferuf an die Schwester.

"Zum Glück rede ich gerne mit den Leuten."

Der Computer-Verkäufer Dawson, seiner üblichen Kommunikationswege beraubt, versucht, aus seiner Lage das Beste zu machen: "Zum Glück rede ich gerne mit den Leuten. Also plaudere ich mit den anderen, die hier festsitzen." Zu ihrer Unterhaltung steuert ein Unbekannter etwas Musik bei, ganz ohne aufwändige Technik - auf einer Trompete stimmt er vor der wartenden Menge an der U-Bahn-Station eine patriotische Melodie aus den Zeiten des amerikanischen Bürgerkrieges an: "The Battle Hymn of the Republic". (Von Eric Auchard/Reuters)

Share if you care.