Verkehrslawine durch "Zersiedelung"

15. August 2003, 21:54
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Planungsexperten warnten bei der Eröffnung der Alpbacher Architekturgespräche

Alpbach - "Wie weit lassen sich Mensch, Wirtschaft und Stadt durch Verkehr noch weiter belasten?" Mit dieser Frage beschäftigen sich unter anderem heuer die dritten Alpbacher Architekturgespräche, die am Freitag eröffnet wurden.

Fachleute warnten am Freitag vor der Verschwendung von Ressourcen bei der Raumplanung. Zersiedlung sei der "Inbegriff von verschwenderischem Umgang mit Grund und Boden", erklärte der Bereichsdirektor für Stadtplanung der Stadt Wien, Arnold Klotz, am Freitag bei der Eröffnung der Gespräche. Die geringe Siedlungsdichte verunmögliche geradezu die Erschließung durch öffentlichen Verkehr. Erst das individuelle Verkehrsmittel Auto habe die Auflösung der Grenzen von Stadt und Land ermöglicht. Die Folge sei jedoch eine "ungeordnete und nicht nachhaltige Raumentwicklung".

Menschenschutz

Die steigende Zahl und die zunehmenden Bedürfnisse der Menschen drohten "die Ressourcen des Planeten zu überfordern". Mittlerweile gehe es nicht mehr um Naturschutz, "was wir brauchen, ist Menschenschutz", warnte der Generalsekretär des Europäischen Forums Alpbach, Richard Kruspel.

Für Tirol ist laut Andreas Braun, Manager beim Tiroler Swarovski-Konzern, in Folge der Zersiedlung vor allem die Frage des Transits eine "sehr handfeste und herausfordernde" Problemstellung. Die gewerbliche und industrielle Entwicklung im Inntal stehe "an den Grenzen", sagte Braun.

Folgen steigender Ressourcenknappheit

Am Samstag geht es genau um die Frage, welche Folgen die steigende Ressourcenknappheit für den Lebensraum haben wird. Dazu wird unter anderem auch der Obmann des Transitforums Austria-Tirol, Fritz Gurgiser, erwartet.

Diskutiert werden soll dabei am Beispiel Tirol auch das globale Problem der Knappheit von Grund und Boden. Laut dem Innsbrucker Architekten Christoph Achammer, Vorstand der mitveranstaltenden ATP Planungs- und Beteiligungs-AG, sind in Tirol nur 13 Prozent der Landesfläche bewohnbar und gar nur 0,3 Prozent bebaubar. Dies sei eine besondere Herausforderung für die Zunft. "Wir Architekten haben mit einem Hungerlohn an Honorar die Möglichkeit, eine Menge Unheil anzurichten oder nicht", sagte Achammer.

"Zwischenstädte unvermeidlich"

Der deutsche Architekt Thomas Sieverts hält die neuen "Zwischenstädte" jedoch für unvermeidlich. Die private Kaufkraft habe sich in den vergangenen 200 Jahren versechsfacht, die private Fläche, die jedem einzelnen zur Verfügung stehe, von unter 15 auf über 40 Quadratmeter erhöht. Selbst bei gleich bleibender Einwohnerzahl habe sich die Größe der Städte deshalb ebenfalls verdreifachen müssen. Ein Großteil des wirtschaftlichen Reichtums sei außerdem in Mobilität angelegt worden. "Diese Grunddynamik ist so stark, dass man sie politisch nicht beeinflussen kann", meint Sieverts.

Der Architekt kann dieser Entwicklung aber auch Positives abgewinnen. Zwar sei die Zersiedelung "nicht ökologisch". Nur dadurch seien die "alten Städte als Gehäuse erhalten geblieben". Alte Naturlandschaften seien durch die Eingriffe "tiefgreifend zerstört worden". Neue Ökosysteme - etwa mit Papageienkolonien in Köln und Füchsen in Mainz - seien aber entstanden, betont der Experte.

Die Alpbacher Architekturgespräche werden am Samstag abgeschlossen. (APA)

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