Handy-Manie in Italien

24. August 2003, 09:22
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Festnetz ist "out" - Ende des "Telefonino"-Fiebers nicht in Sicht

Die Italiener leiden seit Jahren an einem ganz eigenartigen Syndrom, der so genannten "Telefonitis". Ob im Restaurant, im Museum, in Uni-Hörsälen oder auf Straßen und Plätzen - überall bimmeln und klingeln Millionen von Handys in allen Tonarten. Und ein Ende des "Telefonino"-Fiebers ist nicht in Sicht. Einer Studie des italienischen Statistikamtes Istat zufolge, hat sich die Zahl der Haushalte mit einem Mobilfunktelefon zwischen 1997 und 2002 von 5,7 auf 16,6 Millionen fast verdreifacht.

Abdeckung

Über 84 Prozent der Menschen zwischen Mailand und Messina besitzen demnach ein Handy. Damit ist Italien nach Luxemburg (97,9 Prozent) das Land mit der höchsten Handy-Dichte in Europa. Auf dem dritten Platz liegt Österreich (80,8 Prozent), während in Deutschland nur 68,4 Prozent der Bürger ein Mobiltelefon haben. "Es handelt sich hier um eine regelrechte Revolution in der Beziehung zwischen den Italienern und ihren Telefonen", brachten es Medien auf den Punkt.

Verzicht

Mittlerweile gibt es in fast der Hälfte der italienischen Haushalte mehr als ein Handy. 1997 waren es nur 8,5 Prozent. Folge: Um nicht zu viel Geld in die "Telefonitis" zu investieren, verzichten immer mehr Italiener auf ein Festnetztelefon. Die Zahl der Bürger, die nur noch mit Handy telefonieren und gar keinen festen Anschluss mehr haben, ist im untersuchten Zeitraum von 1,6 auf 13,1 Prozent gestiegen.

Kosten

"Wegen der Öffnung der Märkte und der stärkeren Konkurrenz sind Mobiltelefone jetzt auch im Vergleich zum Festnetz wettbewerbsfähig", sagte der Minister für Kommunikation, Maurizio Gasparri. Ein zehnminütiges Ortsgespräch kostet in Italien schlappe 0,25 Euro - nur die Finnen bezahlen mit 0,23 Euro noch weniger.

Mit den mobilen Telefonen kann in Italien sprichwörtlich jedes Kind umgehen: Trotz aller Verbote bimmelt es im Stiefelstaat selbst in den Grundschulen; gerade eingeschulte Sechsjährige hantieren fachmännisch mit den Apparaten und beschweren sich noch aus dem Klassenzimmer bei der "Mamma", wenn sie von der Lehrerin zurechtgewiesen wurden. Bei den italienischen Abitur-Prüfungen wurden Handys in diesem Jahr erstmals kategorisch verboten, nachdem es in der Vergangenheit zu Schummeleien via SMS gekommen war.

Kritisches

"Das Mobiltelefon ist ein Kreuz", kommentierte schon vor Jahren Bestsellerautor Luciano De Crescenzo die Handy-Manie seiner Landsleute. Bis Ende des Jahres rechnen die Mobilfunkbetreiber in Italien mit fast 50 Millionen Abonnenten. Zum Vergleich: 1990 besaßen nur 265.000 Menschen auf der Appenin-Halbinsel ein Handy. In ganz Europa wurden zuletzt 277 Millionen Handy-Anschlüsse registriert.

Das "Telefonino" ist in Italien ein wahres Statussymbol. Möglichst klein und handlich soll es sein, gleichzeitig aber allen technologischen Schnickschnack haben. Um vor Freunden und Verwandten mit dem neuesten Modell prahlen zu können, werden keine Kosten gescheut. Schließlich ist das Handy auch ein Stück südländischer Lebensart.

Gebrauchsanleitung

Seit ein paar Jahren gibt es in den italienischen Buchläden einen "Knigge" für Mobiltelefone. 20 Schriftsteller plädieren darin für neue Verhaltensregeln beim Mobil-Geplauder. Denn nach wie vor laufen die meisten Gespräche wie ein oberflächliches Ritual ab, bei dem fast nur Geplänkel wie "Wie geht es Dir?" oder "Wo bist Du gerade?" ausgetauscht wird. Experten sagen: "Das Handy ist für die Italiener in erster Linie ein Spielzeug, um kurz Freunde anzurufen und SMS zu verschicken. In anderen Ländern werden Mobiltelefone hingegen für die Arbeit und das Versenden von Daten genutzt." (APA)

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