Rezession oder Stagnation?

27. August 2003, 11:14
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In Rezessionsjahren 1993 und 1982 hatte es deutlichere Einbrüche in der Industrie gegeben

Frankfurt - Bei der Einschätzung der jüngsten Wirtschaftsentwicklung in Deutschland scheiden sich die Geister. Für die meisten Konjunkturforscher steckte Deutschland auch im zweiten Quartal 2003 und damit bereits seit mehr als drei Jahren in einer hartnäckigen Stagnation. Anhänger strenger formaler Kriterien verweisen dagegen auf die amerikanische Definition, die bei zwei Minusquartalen hintereinander eine Rezession sieht. Für die Öffentlichkeit häufig verwirrend schwirren beide Begriffe in der Diskussion herum.

In der rein technischen Betrachtung der saison- und kalenderbereinigten Werte gab es im 2. Quartal 2003 zum dritten Mal in Folge einen leichten Dämpfer. Der reale Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,1 Prozent im Vergleich zum 1. Vierteljahr reihte sich an ein Minus von 0,2 Prozent in den ersten drei Monaten und eine rote Null am Jahresende 2002 an.

"Keine Rezession"

"Das Wort Rezession trifft aber nicht die tatsächliche Situation in Deutschland", betont der Chefvolkswirt der Allianz-Dresdner-Gruppe, Michael Heise. Es sei eine strukturelle Wachstumsschwäche. Der "R-Begriff" suggeriert dagegen, dass es sich nur um eine übliche konjunkturelle Abkühlungsphase handelt. Nach Meinung der Lehrbücher folgt dann quasi automatisch ein Aufschwung. Die Commerzbank will daher erst bei Minusraten von zwei Prozent von einer Rezession sprechen.

Zudem war bisher der Rückgang der Kapazitätsauslastung in der Industrie verhältnismäßig moderat. In den Rezessionsjahren 1993 und 1982 hatte es deutlichere Einbrüche gegeben.

Wachstum in der zweiten Jahreshälfte

Zudem mehren sich die Zeichen, dass es in der zweiten Jahreshälfte wieder etwas aufwärts geht. Diese Trippelschritte werden die Wirtschaft aber unterm Strich in diesem Jahr kaum voranbringen. Eine Wachstumsrate von 0,0 bis 0,2 Prozent wird mehrheitlich erwartet.

Dennoch ist die Lage in Deutschland prekär. Die festgefressene Stagnation lässt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich weit zurückfallen. Der private Konsum und die Investitionsneigung der Unternehmen sind strukturell bedingt zu schwach, um das Problem der Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen.

Hinter dem Streit der Wirtschaftsforscher steckt aber auch ein Definitionsproblem. Prinzipiell gibt es keine allgemein anerkannten und scharf abgegrenzten Begriffe für die verschiedenen Phasen des Konjunkturverlaufs. Dies lässt willkürlichen Interpretationen der Wirtschaftsentwicklung freien Raum.(APA/dpa)

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