"Die Frauen werden oft als Besitz gesehen"

14. August 2003, 02:57
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dieStandard.at im Interview mit Ulli Thomson, Diplomierte Sozialarbeiterin in einem Wiener Frauenhaus

dieStandard.at: In welcher Situation kommen Frauen zu ihnen ins Frauenhaus?

Ulli Thomson: Die Frauen, die zu uns vor Gewalt flüchten, haben wenig bis gar keine anderen Möglichkeiten. Manche schauen zwar, dass sie bei Familie oder FreundInnen unterkommen oder die Trennung anders bewerkstelligen. Es geht vielen aber bei uns um die Schutzeinrichtung – es gibt Frauen, die sind so bedroht, dass kein anderer Platz für sie in Frage kommt. Da ist es ganz egal, ob sie eine andere Unterkunftsmöglichkeiten hätte – wenn sie Angst hat, braucht sie ein Frauenhaus. Wir haben auch immer wieder Frauen, die aus einem sehr bürgerlichen, oder sogar Diplomaten-Milieu kommen und zu uns kommen, weil sie Schutz suchen. <>

dieStandard.at: Inwieweit haben Sie im Frauenhaus die Möglichkeit, die Frauen zu schützen?
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Ulli Thomson: Wir haben sehr strenge Sicherheitsregeln und eine Kameraüberwachung rund um das Haus. Es kann an und für sich niemand hinein, den man nicht durch die Kamera sehen würde, auch die Frauen müssen anläuten. Und dann gibt es noch eine Einrichtung, die uns eine direkte Leitung zur Polizei ermöglicht, wo automatisch die WEGA kommt, wenn wir sie benutzen.

dieStandard.at: Wenn eine Frau zu Ihnen kommt – was sind da die nächsten Schritte?

Ulli Thomson: Wenn sie zwei Wochen bei uns ist, schauen wir mal, wie lange sie noch bleiben möchte, ob sie vielleicht wieder zurückgeht oder für sich einen anderen Weg überlegt. Wenn sie sich entscheidet, bei uns zu bleiben, gehen wir mit Polizeibegleitung in die Wohnung, um ihre persönlichen Sachen zu holen, die sie braucht, sofern sie das nicht schon mitgenommen hat. Maßgeblich für die Dauer ihres Aufenthalts ist oft, wie weit sie abhängig ist von ihrem Mann – zum Beispiel, wenn sie als Migrantin über ein Familienvisum da ist oder kein eigenes Einkommen hat, was bei vielen der Fall ist.

dieStandard.at: Welche Vorteile haben die Frauen im Frauenhaus?

Ulli Thomson: Ein großer Vorteil abgesehen von der Sicherheit und der Betreuung und Beratung ist, dass dort andere Frauen mit ähnlichen Problemen sind, mit denen sie sprechen können und wo sie merken, dass sie kein Einzelfall sind – das ist für viele dann sehr tröstlich. Nach einer Woche bekommen sie auch eine spezielle Betreuerin für Allfälliges.

Und auch den Kindern tut es gut, denn viele trauen sich zum Beispiel in der Schule nicht über das Gewaltproblem reden, weil sie glauben, sie sind die Einzigen, die solche Grauslichkeiten erleben – und im Frauenhaus treffen sie Kinder, denen es genauso geht. Wir haben auch eine spezielle Kinderbetreuung, die zum Teil aber sehr überlastet ist – diese Betreuerinnen haben eine sehr gute psychologische Ausbildung, machen Einzelbetreuung mit den Kindern, schauen, dass es ihnen gut geht, führen Gespräche mit den Müttern,...

dieStandard.at: Was passiert mit Frauen, die sie aus Platzmangel abweisen müssen?

Ulli Thomson: Wir kümmern uns darum, dass sie eine Unterkunft finden, da kooperieren wir mit mehreren Stellen. Es gibt leider immer wieder Spitzenzeiten, wo wir Frauen auf die Warteliste setzen müssen, weil alle vier Frauenhäuser in Wien voll sind - wie heute zum Beispiel, wo wir 17 Frauen und 24 Kinder bei uns haben.

dieStandard.at: Wie ist die Raumsituation im Frauenhaus - haben die Frauen eigene Zimmer oder teilen sie sich den Raum mit anderen?

Ulli Thomson: Im Allgemeinen hat eine Frau mit Kindern mit diesen ein eigenes; Frauen, die ohne Kinder kommen, teilen sich die Zimmer. In manchen, größeren Häusern, wo mehr Platz ist, haben aber auch manchmal Frauen alleine ein Zimmer.

dieStandard.at: Wie lange bleiben die Frauen?

Ulli Thomson: Wir bemühen uns sehr, dass die Frauen bald wieder draußen Fuß fassen können. Es gibt bei uns noch keine wirkliche Beschränkung, aber eine Frau, die ein Jahr hier ist, ist wirklich in einer sehr verzweifelten Situation, denen reicht es dann auch schon. Nach sechs Monaten werden die Frauen dann schon ungeduldig, weil sie ja auch miterleben, dass Frauen, mit denen sie sich angefreundet haben, nach und nach ausziehen und das macht sie natürlich traurig, wenn sie dann immer noch da sind.

dieStandard.at: Können die Frauen gewohnt ihrer Beschäftigung nachgehen, während sie bei ihnen sind?

Ulli Thomson: Ja, wenn sie berufstätig sind, gehen die meisten weiter ihrer Arbeit nach und organisieren sich, wenn nötig, selbst in dieser Zeit eine Kinderbetreuung. Tatsache ist aber, dass viele Frauen auch joblos zu uns kommen und die Frauen immer einkommensschwächer werden. Die Armut der Frauen nimmt grundsätzlich zu. Es ist oft sehr schwierig, dass sie Arbeit finden, vor allem wenn sie Kinder haben. Das macht es dann auch schwer, eine eigene Wohnung zu finanzieren, die es ihnen erleichtert, aus der Gewaltsituation herauszukommen.

dieStandard.at: Wie helfen sie den Frauen, mit ihrer Angst umzugehen?

Ulli Thomson: Das Wichtigste ist, die Angst der Frauen ernst zu nehmen und da sehr parteiisch zu sein. Solange sie bei uns sind haben sie die größtmögliche Sicherheit. Es wird aber immer Frauen geben, die Männer haben, vor denen sie immer Angst haben müssen – da kann niemand darüber hinweg täuschen. Es gibt einfach Männer, die gute Beziehungen spielen lassen können und den Frauen damit sehr viel Angst machen – die einen vielleicht, weil sie von ihrer beruflichen Position und ihrem Status her mächtig sind, andere manchmal auch durch Kontakte im kriminellen Bereich.

Da spielen oft Rachegedanken mit – ein Gutteil der gewalttätigen Männer sieht die Frauen als Besitz und hält es nicht aus, dass die Frau einfach geht. Deshalb braucht es auch oft so lange bis Frauen den entscheidenden Schritt tun, weil das Gefährlichste, was sie oft tun können ist, sich zu trennen. Und das geht quer durch alle soziale Schichten.

dieStandard.at: Wo können Frauen hingehen, die sich nach dem Frauenhaus noch unsicher fühlen?

Ulli Thomson: Einige bevorzugen dann zum Beispiel zunächst in ein Mutter-Kind-Heim zu gehen, da haben sie zumindest den Schutz einer Einrichtung, wenn sie sich noch nicht trauen, alleine eine Wohnung zu beziehen. Prinzipiell gibt es außerdem für Frauen nach dem Frauenhaus-Aufenthalt eine Meldesperre, sodass ihr Aufenthaltsort zumindest über die offiziellen Meldestellen nicht ausfindig zu machen ist.

dieStandard.at: Nehmen sie bevorzugt Frauen auf, die von körperlicher Gewalt bedroht sind?

Ulli Thomson: Wir nehmen sie bei jeglicher Form von Gewalt auf: Wir nehmen genauso auch Frauen, die zum Beispiel zu uns vor Psychoterror flüchten, wenn der Mann sie etwa komplett überwacht, jeden ihrer Schritte kontrolliert, sie nicht telefonieren darf oder nur mit Lautsprecher, sie keine FreundInnEn sehen darf oder überhaupt von der Außenwelt abgeschnitten wird. Für viele der Frauen ist die Gewalt leider auch schon ganz alltäglich – sie kennen gar keine andere Umwelt, als eine gewalttätige. Es ist für manche normal, dass Männer Frauen schlagen, weil sie selbst schon als Kind geschlagen wurden, vielleicht auch ihre Mütter und jetzt schlägt sie ihr Mann wieder.

dieStandard.at: Immer wieder plädieren Männer für die Einrichtung von Männerhäusern, weil sie argumentieren, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer Opfer von Gewalt sein können. Wie denken Sie darüber?

Ulli Thomson: Warum nicht, wenn sie meinen, es ist nötig, sollen sie das andenken. Ich finde es allerdings abstrus, wenn Männer behaupten, für die Frauen werde so viel getan, aber für Männer so wenig – natürlich gibt es auch Fälle von Gewalt gegen Männern, aber im Vergleich zu den Frauen ist das prozentuell sehr gering. Niemand sagt, dass alle Männer furchtbar sind, aber Tatsache ist, dass Männer eher zu Gewalt neigen und Frauen weniger. Und sie erfahren noch immer relativ viel Schutz für das, was sie tun.

dieStandard.at: Gehen Frauen häufig zurück zu ihren Männern?

Ulli Thomson: Es kommt immer wieder vor - weil er sich um sie bemüht, oder weil es einfacher ist für sie, sie daran glaubt, dass es besser wird, oder wenn sie zum Beispiel Kinder hat oder finanziell abhängig ist. Das Ungewisse ist oft schwerer zu ertragen, als das Bestimmte, Gewohnte. Und eines können Männer wunderbar: Sie können so gut leiden und da sind die wenigsten Frauen davor gefeit, auch selbstständige, emanzipierte Frauen tappen da immer wieder hinein. Die Wenigsten fragen sich dann: „Hat er denn auch nur einen Moment darüber nachgedacht, wie es mir geht?“

Wir bieten ihnen natürlich die größtmögliche Unterstützung, und zeigen ihnen, dass es auch andere Möglichkeiten für sie gibt, aber wenn eine Frau sich entscheidet, zurückzugehen, ist das ihre ganz persönliche Sache – wir verurteilen das überhaupt nicht, ganz im Gegenteil: Wir versichern den Frauen, dass sie im Notfall jederzeit wiederkommen können.

Das Interview führte Isabella Lechner.

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