Im "shared space" schafft Deregulierung Ordnung

Kommentar der anderen17. Februar 2014, 18:00
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Auf der Wiener Mariahilfer Straße werden nicht nur Verkehrskonzepte und Buslinientrassen verhandelt. Es geht auch um die Form, wie die Bürger miteinander umgehen wollen: vom staatlichen Zwang einigermaßen gebändigt oder freiwillig und selbstorganisiert

Die Straße ist ein Konfliktraum. Da prallen die unterschiedlichsten Interessen aufeinander. Bislang wurde das durch die Straßenverkehrsordnung (StVO), also durch eine Autorität geordnet, die Regeln aufstellt - im wörtlichen Sinn durch Verkehrszeichen und im übertragenen Sinn. Regeln, an die sich alle zu halten haben.

Dieses demokratische Moment habe ich an der StVO immer so gemocht. Sie gilt für alle. Gleichermaßen. Da braucht es auch keine Moral, damit der Stärkere, etwa der Autofahrer, auf den Schwächeren, etwa den Fußgänger, Rücksicht nimmt. Da gibt es Schutzwege. Die Verkehrsteilnehmer müssen individuell keine guten Menschen sein, um bei Rot stehen zu bleiben und die anderen fahren zu lassen. Die StVO nimmt dem Einzelnen die Last von Moral und Tugend (auf der Straße) ab und delegiert sie an eine Institution, die diese für uns alle verwaltet. So wie Mitleid und Empathie von einer subjektiven Tugend in die objektive Institution des Sozialstaats verwandelt wurde.

Gesellschaftskonzept gegen ...

Die StVO ist also ein Gesellschaftskonzept. Dieses wird heute von einem genau gegenteiligen Konzept herausgefordert. Die Begegnungszone funktioniert über die Deregulierung dieses Ordnungssystems. Hier gibt es (fast) keine Regeln, keine Verkehrsschilder, keine Signale. Der Verkehr organisiert sich selbstständig. Ohne Autorität, die eingreift. Und heraus kommt eine konfliktfreie, gemeinsame Nutzung des öffentlichen Raums, ein "shared space". Natürlich regt sich da Skepsis. Zu tief haben wir alle, ohne es zu wissen, die Hobbes'sche Lektion verinnerlicht, dass jenseits der Autorität, die unsere Egoismen eingrenzt und unsere Leidenschaften zähmt, der Krieg aller gegen alle lauert.

Genau das wird in der Auseinandersetzung um die Begegnungszone verhandelt: Wie soll sich ein - relativ - autoritätsfreier Raum selbst organisieren? Skeptiker fragen: Wie kann das gehen? Verwandeln wir uns alle in rücksichtsvolle, verantwortungsbewusste, kinderliebende Wesen, wenn wir in die Mariahilfer Straße einbiegen? Sollen die Moral und die Rücksichtnahme, die ein "shared space" braucht, reprivatisiert werden?

... autoritätsfreien Raum

Die Antwort auf diese Frage gehört zum Spannendsten in dieser Auseinandersetzung. Denn sie betrifft unser äußerst paradoxes Verhältnis zu Regeln. Äußere Autoritäten, auferlegte Regeln werden natürlich nicht nur erfüllt und befolgt. Sie werden auch übertreten. Die Übertretung gehört also gewissermaßen zur Disziplinierung dazu. Mehr noch - das Nichtbefolgen von Vorschriften wird zum Ausweis von Abenteurertum und Aufbegehren. Auch und gerade auf der Straße.

Das Spiel mit den Regeln wird zur Signatur der Leistung des Einzelnen. Und was die Sicherheit anlangt, so hat sich erwiesen: Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit im Straßenverkehr haben neben den erwünschten auch unerwünschte Wirkungen: der Sicherheitsgewinn - also das Wissen darum, besser geschützt zu sein - wird in riskanteres Fahren umgelegt. Schutzwege stellen da, so die damit befassten Verkehrsplaner, nur eine "Scheinsicherheit" her.

Kurzum - die paternalistische StVO, die uns in ebenso disziplinierte wie undisziplinierte Straßensubjekte verwandelt, reicht nicht mehr aus. Die äußerlichen Sicherungen sind nicht mehr zeitgemäß. Die Vorsicht muss in das Verhalten der Einzelnen eingehen. Dazu braucht es eine Art Protestantisierung der Verkehrsteilnehmer: Diese müssen die Prinzipien von Rücksicht, Vorsicht und Gemeinsamkeit tatsächlich verinnerlichen. Die Delegierung an die StVO ist nicht mehr genug.

Und wie erreicht man diese wundersame Verwandlung aggressiver Verkehrsbestien? Nicht durch Regeln - der Verkehr soll sich ja von allein organisieren. Nicht durch Appelle wie: Seien Sie doch bitte rücksichtsvoll! Nein, man erreicht das durch - Deregulierung. Das ist die bewusste, gezielte Herstellung subjektiver Unsicherheit.

Raumplaner sagen das ganz offen. Durch räumliche Gestaltung - wie den Wegfall eindeutig zugeordneter Straßenflächen - erzeugt man beim Einzelnen ganz absichtlich das Gefühl von Unsicherheit. Denn genau das führt zu verändertem Verhalten. Die Unsicherheit des Einzelnen erzeugt eine sichere Gesamtsituation.

Paradoxer Effekt

Das ist der gewissermaßen umgekehrte paradoxe Effekt zur StVO: Während die Regel Übertretungen produziert, bringt die Deregulierung vorsichtige, kommunikative, rücksichtsvolle Verkehrsteilnehmer hervor. In anderen Bereichen führt solche Deregulierung, solche Freistellung von Schutz zu einer knallharten Ellbogengesellschaft. Auf der Straße ergibt das Selbstorganisation und Eigenverantwortung - aus reinem Selbsterhaltungstrieb.

Das ist die "unsichtbare Hand" der Begegnungszone, die die Egoismen der Einzelnen zu einem großen, funktionierenden Ganzen verbindet. Ganz ohne Moral. Die Selbsterhaltung widerlegt Hobbes: Jenseits der alles regulierenden Autorität liegt nicht das Chaos, sondern der "shared space".

Nicht einheitliche Verkehrssubjekte, sondern unterschiedliche Einzelne ziehen hier ihrer Wege, ohne einander zu stören. Spätestens da hat es die Begegnungszone zur Metapher gebracht, zum Sinnbild der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. (Isolde Charim, DER STANDARD, 18.2.2014)

Isolde Charim (Jg. 1959) ist Publizistin und lehrt am Philosophischen Institut der Universität Wien. 2009 veröffentlichte sie "Der Althusser-Effekt. Entwurf einer Ideologietheorie". Charim ist wissenschaftliche Kuratorin der Reihen "Diaspora. Erkundungen eines Lebensmodells" und "Demokratie reloaded". Zuletzt erschien von ihr "Lebensmodell Diaspora: Über moderne Nomaden".

  • Mariahilfer Straße: Seit Montag entscheiden die Bürger.
    foto: apa/georg hochmuth

    Mariahilfer Straße: Seit Montag entscheiden die Bürger.

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