Vom Suchen und Finden der Identität

17. Februar 2014, 17:35
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Karin Henkels "Amphitryon und sein Doppelgänger"

St. Pölten - Was passiert, wenn ich nach Hause komme und schon da bin? Das ist eine zentrale Frage, die Karin Henkel in Amphitryon und sein Doppelgänger nach Heinrich von Kleist zu erörtern versucht. Es gelingt: In ihrer zum Berliner Theatertreffen geladenen Zürcher Inszenierung - sie war nun zu Gast am Landestheater Niederösterreich - entsteht ein heilloses Identitätschaos. So schlüpfen Göttervater Jupiter und Götterbote Merkur aus Langeweile in die Rolle des bald zurückkehrenden Feldherrn Amphitryon und dessen Dieners Sosias und lassen sich vor deren Ankunft von ihren Gattinnen in die Arme schließen.

Jupiter lässt den Betrug gar in einen ehelichen münden, indem er eine Liebesnacht mit Alkmene verbringt, die bei Ankunft ihres wahren Gemahls davon schwärmt und sich dessen Zorn zuzieht. Ist sie etwa nicht fähig, den eigenen Mann von einem Hochstapler zu unterscheiden? Von wem hat sie sich blenden lassen? War es der Amphitryon im blauen Hemd auf der Bühne oder war es der Amphitryon mit dem blauen Hemd auf der Bühne darüber?

Schon zu Beginn wird der eintreffende und vom Publikum vorerst für echt erklärte Sosias durch die Ankunft eines nächsten Abbilds bald als falscher entlarvt. Eine Dopplung erfahren jedoch nicht nur die Schauspieler selbst, auch ihr Text wird vom Doppelgänger mitgesprochen, im gegenseitigen Wechsel ergänzt oder im Kanon erzählt. Vom erquickenden Rollenchaos angespornt, möchte auch der Zuschauer die von den Figuren oft gestellte Frage klären: "Wer bin ich?" Zum Ende hin scheint es fast so, als stehe das Publikum den Figuren in keinem Wissen nach, als einer, der Sosias sich erbarmt und gesteht: "Ich war schon am Anfang verwirrt."

Wandel ins Komödiantische

"Ich wäre am liebsten Alkmene, die war ich noch nie", strebt ein Darsteller nach der Identität einer Rolle. Gelöst von der immer noch an sich zweifelnden Alkmene, die sich quält, trotz ihrer Liebe zu Amphitryon einem Gott buchstäblich aufgesessen zu sein, erfährt die Inszenierung hier einen Wandel ins Komödiantische. Dieser kam gerade noch rechtzeitig, bevor man aufgrund der Wirrungen seine Spekulationen aufgegeben hätte. Letztlich tritt Jupiter aus seiner Rolle heraus und gibt Amphitryons Gattin frei. (Grit Breitmann, DER STANDARD, 18.2.2014)

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