Turteln in der Todeszone

17. Februar 2014, 17:19
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Premiere von Francesco Cileas "Adriana Lecouvreur" an der Wiener Staatsoper: Regisseur David McVicar setzt auf szenische Routine und historische Perückenpracht

Wien - Die Blume der Bösen wirkt letztlich doch: Ohne Wissen, dass die zugesandten Veilchen nicht vom verehrten Maurizio stammen, vielmehr von Konkurrentin Principessa de Bouillon (die den Strauß mit Giftduft versehen hat), schnuppert Adriana Lecouvreur am Blütenpräsent. Da Komponist Francesco Cilea der Opernmaxime "stirb langsam" huldigt, dauert es jedoch eine imposante Weile, bis Schauspielerin Adriana aus dem Leben scheidet.

Gut für Angela Gheorghiu: Die Sopranistin nützt die Todesphase effektvoll, sich als entrückte, langsam verwelkende Tragödin zu präsentieren. So zeigt sie schließlich bei Cileas Adriana Lecouvreur doch, dass sie nach wie vor über eine imposante Stimme verfügt, die in den Höhen Fülle und Intensität entfaltet. Als verträumte Künstlerin, die an der Liebesgrippe leidet, hat sie zwar im ersten Akt Probleme, ihr Pianissimo über die Rampe zu bringen wie auch in den Tiefen Präsenz zu entfalten.

Die entscheidenden Momente jedoch prägt Gheorghiu als Gestalterin lyrischer Linien, deren Legato von hoher musikalischer Sensibilität zeugt. Und, ja: Auch in die Rolle ist Gheorghiu recht tief eingetaucht; sie wird zum mädchenhaften Wesen, das zwischen Leben und Schauspiel nicht immer zu unterscheiden vermag.

Nicht ganz so schattierungsreich ihre Rivalin: Elena Zhidkova (als Principessa di Bouillon) ist zwar mit ihrem dunklen Mezzo die Krönung dieser Opernübernahme aus London. Die dramatische Wucht ihrer Töne verschmilzt mit nie bröckelnder Klangfülle, was (schwächefrei) Weltklassemomente erbrachte. Im Darstellerischen gilt es indes noch aufzuwachen - das Tragen üppiger Roben vermag heutzutage nicht mehr als Rollengestaltung durchzugehen. In diesem Punkt ist allerdings auch Regisseur David McVicar zur Verantwortung zu ziehen: Besonders im zweiten Akt, wenn Maurizios Geliebte erstmals aufeinandertreffen, versäumt es McVicar, deren Dialoge szenisch zu verdichten. Es ereignet sich nichts, was über klischeehaftes Stehtheater hinausgehen würde. Das erinnert an McVicars Tristan, den er in der vorigen Saison an der Staatsoper tiefgefroren hat.

Munteres Theatervolk

Cileas kulinarisches Glanzstück (erstmals an der Staatsoper) ist glücklicherweise aber auch ein Hort quirligen Bühnenlebens. Da Theatervolk, das sich zur Vorstellung bereitmacht; dort intimes Liebesgeständnis während einer im Hintergrund parallel ablaufenden Theateraufführung. Es sind also ausreichend muntere Gruppenszenen vorhanden, um der Regie unter die Arme zu greifen. Und McVicar rafft sich immerhin in diesem Bereich zu bunten Tableaus auf, deren Figuren dann nichts mehr Gesangspuppenhaftes an sich haben.

Dass das Ganze - man hätte die Inszenierung getrost mit den Rosenkavalier-Kostümen der alten Staatsoperninszenierung bestücken können - historisch daherkommt, wäre an sich kein Problem. Wenn die Regie jedoch aus den Hauptfiguren vor allem Hölzernes "herausholt", wirkt etwa jemand wie Massimo Giordano in dem putzigen Kostüm einer verflossenen Epoche einfach nur noch verloren. Zudem bewältigt Giordano zwar die Spitzentöne kraftvoll, der Rest ist jedoch ein verlustreicher Kampf um Intonation, bei dem Nuancen, Schönklang und geschmeidige Linien unter die Räder kommen.

Dennoch. In Summe ist vor allem die musikalische Seite des Abends tragfähig, an deren Qualität vor allem Raúl Giménez (als Abate) und Roberto Frontali (als Michonnet) mitwirken.

Seinen Anteil hat auch Dirigent Evelino Pido. Er vermittelt diese raffinierte Partitur mit dem gut disponierten Staatsopernorchester schattierungsreich. Da ist Platz für Ironie wie Lyrik. Mitunter führte die Energie allerdings zu Laustärkegraden, die etwas übertrieben Hämmerndes an sich hatten. Es gab dann reichlich Applaus und einige Buhs für die Regie. Gheorghiu, sehr betroffen, versuchte die Unmutskundgebungen gestisch zu beschwichtigen. Ein sympathischer Zug, aber ohne erhofften Effekt. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 18.2.2014)

Am 19. und 22. Februar sowie am 4., 8. und 12. März.

  • Der Principessa di Bouillon (Elena Zhidkova, li.) gefällt nicht, was sie sieht:
    foto: poehn

    Der Principessa di Bouillon (Elena Zhidkova, li.) gefällt nicht, was sie sieht:

  • Adriana (Angela Gheorghiu) und Maurizio (Massimo Giordano) tauschen Zärtlichkeiten aus.
    foto: poehn

    Adriana (Angela Gheorghiu) und Maurizio (Massimo Giordano) tauschen Zärtlichkeiten aus.

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