Wenn die Demo zum Ventil wird

18. Februar 2014, 12:27
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Auch viele Schüler protestierten in der Wiener Innenstadt gegen den Akademikerball. Der Versuch einer Erklärung, warum die Demonstration eskalierte

Sie schrien, sangen oder schwiegen. Sie schlugen, tanzten oder blieben stehen. Sie waren wütend, hatten Angst oder waren verloren im Chaos. "Sie" waren tausende Menschen, die gemeinsam durch die Wiener Innenstadt schreiten, und unterschiedlicher kaum sein könnten: Studenten, Schüler, Angestellte, Künstler, Kinder oder Aktivisten. Sie haben alle auf ihre Weise gegen den Wiener Akademikerball demonstriert. Was sie verband, war das Wissen: "Wir sind dagegen, wir finden es inakzeptabel und wir sind Tausende." Das Gemeinschaftsgefühl war unbeschreiblich, man teilte ein gemeinsames Anliegen. Auch wenn nicht alle auf die gleiche Weise demonstrierten.

Hass

Einigen Demonstranten ging es um den Hass gegen die, die "Hass" predigen. Die Veranstalter des Balls, die Wiener FPÖ, haben mit ihren Wahlplakaten "Mehr MUT für unser Wiener Blut" diesen Hass gegenüber "Nicht-Österreichern" schon öfter unter Beweis gestellt. Dass mit solchen Slogans öffentlich geworben werden darf, empört und lässt einen Ohnmacht fühlen, nichts dagegen tun zu können. Der Akademikerball ist kein Event, bei dem große Zweifel über die Gesinnung der Gäste bestehen. Dass immer rechtsextreme Politiker Ballbesucher waren, sind keine Verschwörungstheorien, sondern Fakt.

Die Ohnmacht, dass "sie" in der Hofburg feiern dürfen. Dass "sie" an einem so geschichtsträchtigem Ort, geschützt von der Polizei, tanzen, reden und über die Demonstranten lachen. Mit diesem Ohnmachtsgefühl kann man nur schwer umgehen und es schlägt nicht selten in Wut über. Je stärker jeder persönlich dieses einengende Gefühl der absoluten Ohnmacht gespürt hat, desto extremer war die persönliche Ausschreitung.

Ich sah zerschlagene Fensterscheiben und heruntergerissene Mülleimer, auch ein Polizeiauto wurde beschädigt. Laut Medienberichten beträgt der Sachschaden ungefähr eine Million Euro. Diese Wut gegen die Wut ist nicht der Schlüssel zur Veränderung. Sie ist nur das letzte Mittel, um zu zeigen, wie sehr man in der Ohnmacht gefangen ist. Die Wut ist ein Hilfeschrei derjenigen, die sich machtlos gegenüber einem Unrecht fühlen.

Vom einen ins andere Extrem

Auch manche Polizisten fühlten sich beengt, verloren die Kontrolle über die Situation und ließen sich teilweise zur Eskalation hinreißen. Ich erlebte es, als ich zu zwischen den Aufgängen der U-Bahn Station Volksgarten zu einer Demonstrationsgruppe stieß, neben der eine Reihe Polizisten stand. Alles schien ruhig. Bis ein Mann im Rollstuhl versuchte, Fotos der Gesichter der Polizisten zu machen. Diese forderten ihn auf, damit aufzuhören. Als er dies jedoch nicht tat, nahm ihm einer der Polizisten das Handy aus der Hand.

Die Demonstranten schrien auf: "Man kann einem Mann im Rollstuhl doch nicht das Handy wegnehmen!". Der Polizist warf das Handy zurück auf den Schoß des Mannes, doch die Situation war bereits eskaliert. Ehe ich mich versah, begann eine jüngere Polizisten mit Pfefferspray auf uns zu sprühen. Einige bekamen es in die Augen. Die Situation diente als Ventil für all die angestauten Gefühle. An diesem Abend verschwammen die moralischen Grenzen, sei es aus Überzeugung, Hilflosigkeit, Verwirrung über die "Befehle von oben".

Nur wird von der Polizei in unserer Gesellschaft Perfektion erwartet, die kaum Fehler verzeiht. Da die Polizei diesem Bild nicht immer entsprechen kann, schlägt das dann ins andere Extrem um: Die Polizei wird zum Feindbild. Wenn Demonstranten den Polizisten den "Kampf" erklären, nehmen sie den Polizisten nicht als individuelle Menschen wahr, sondern als homogene Masse.

Viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, merken, dass das System nicht mehr funktioniert, dass es sich in einem ewigen Optimismus, konzentriert auf wirtschaftliches Wachstum, verrannt hat. Die FPÖ ist die einzige Partei, die eingesteht, dass es nicht so läuft, wie es laufen sollte – aber sie geben die Verantwortung dafür jenen Menschen, die keine Schuld daran tragen.

Ventil für Frust

Viele, vor allem junge Menschen, sind desillusioniert: was das System betrifft, was die Politik betrifft, was die Polizei betrifft und was Wahlversprechen betrifft. Sie wenden sich dem einen oder anderem Extrem zu, laufen frustriert durch ihr Leben, bis sie hie oder da ein Ventil für ihren Frust finden. Oder sie versinken in einem Alltag der ewigen Unzufriedenheit. Ich glaube, vielen dürstet es nach Ehrlichkeit, nach dem Eingestehen von Fehlern, danach das System wieder als Ansammlung von individuellen Menschen zu sehen.

Es wäre Aufgabe der Politik, in unserem System wieder Räume zu schaffen, in welchem Neues entstehen kann, in welcher Kritik und Unzufriedenheit gehört wird. Wenn die Stimme der Jugend gehört wird, bedarf es keines Ventils mehr. Unzufriedenheit führt zur Eskalation, nicht aber bei jenen, die sich in ihrer Unzufriedenheit gehört und wichtig fühlen. (Laura Platzer, 19 Jahre, SchülerSTANDARD, 18.2.2014)

  • Auch ein Ventil für Frust: Demo gegen den Akademikerball.
    foto: apa/hochmuth

    Auch ein Ventil für Frust: Demo gegen den Akademikerball.

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