Julia, das Wunderkind

17. Februar 2014, 19:51
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Julia Lipnizkaja werden die russischen Herzen zufliegen, die 15-jährige bewirbt sich um ihr zweites Gold nach dem Teambewerb

"Ich werde reingehen mit Dreifach-Lutz-Kombi und Dreifach-Salchow-Kombi. Patzen darf ich nicht. Wir sind ja eine auserlesene Partie hier." Das sagt die Wienerin Kerstin Frank (25), die zu jenen 30 Damen gehört, die im Eisberg-Eispalast ihre Künste zeigen werden. Das Kurzprogramm wird am Mittwoch gegeben, die freie Kür der besten 24 am Donnerstag. Und da es viele Jahrzehnte her ist, dass eine zweifache österreichische Meisterin als heißer Medaillentipp bei Olympia galt, geht es für Frank darum, sich hier zur Melodie des Queen-Hits Bohemian Rhapsody einen zweiten Auftritt zu erlaufen. Bei dem würde dann die Fledermaus von Johann Strauß gespielt werden.

Frank kommt im Kurzprogramm in der ersten Sechsergruppe dran, die 15-jährige Julia Lipnizkaja in der fünften, mehr als drei Stunden später. Das russische Wunderkind trug in der vergangenen Woche wesentlich zum Triumph im Teambewerb bei und verzückte das Publikum im Eisberg. "Sie läuft über das Eis, und die Herzen der Menschen fliegen ihr zu", sagt Katarina Witt, die Olympiasiegerin 1984 und 1988, die in Sotschi die Fachkommentatorin für die ARD gibt. 12.000 Herzen passen in den Eisberg.

Die Kundigen gehen davon aus, dass Lipnizkaja und die acht Jahre ältere Südkoreanerin Kim Yuna die besten Chancen auf Gold haben. Das Wunderkind zeigte die beste Kür im Teambewerb, in dem aber Yuna in Ermangelung einer südkoreanischen Mannschaft nicht teilnahm. Dafür gewann die Wahl-Kalifornierin 2010 in Vancouver olympisches Gold und die Weltmeisterschaften 2011 und 2013.

Lipnizkaja, die Schülerin aus Jekaterinburg, die des Trainings wegen seit 2009 mit ihrer Mutter in Moskau lebt, löste im Teambewerb die US-Amerikanerin Tara Lipinski als jüngste Olympionikin im Eiskunstlauf ab. Lipinski siegte im Februar 1998 in Nagano, und es sollte noch vier Monate dauern, bis Lipnizkaja am 5. Juni auf die Welt kam. Das Alterslimit für die Olympischen Spiele überbietet sie um 28 Tage, denn es war geboten, zum Stichtag, am 1. Juli 2013, 15 Jahre alt zu sein.

Lipnizkaja gehört seit 2009 einer Moskauer Trainingsgruppe von rund zehn Kindern an, die dazu auserkoren wurden, Großes für Russland zu leisten. Und sie ragt heraus, gewann 2012 die Junioren-WM, im Jahr drauf war sie noch zu jung für die WM der, nun ja, Großen.

Stricken, malen, reiten

Lipnizkaja strickt und malt gern, wenn sie nicht gerade Pirouetten dreht oder Dreifache springt, und sie besitzt ein Reitpferd, das auf den Namen Pobeda (Sieg) hört. Im Jänner 2014 durfte sie erstmals an einer EM teilnehmen. Da sie zuvor die Grand Prix in St. John, Kanada, und Moskau gewonnen hatte, mimte sie gleich bei ihrer Premiere die Favoritin - und gewann gleich Gold. Natürlich als jüngste Schlittschuhläuferin der Geschichte. Mit 209,72 Gesamtpunkten stellte sie eine neue Saisonbestleistung auf und ist Zweite der ewigen Bestenliste, die seit 2004, seit der Einführung des neuen Punktesystems geführt wird. Der Weltrekord gehört Kim Yuna, die bei ihrem Olympiasieg 228,56 Punkte schaffte, die seit damals nicht annähernd erreicht wurden.

Wenn unter den ersten 20 keine patzt, wird es auch für eine fehlerlose Frank schwer werden, sich unter diesen zu platzieren. Denn die Elite in der auserlesenen Partie pflegt zwei Dreifache miteinander zu kombinieren, während Frank bis jetzt sicherheitshalber Dreifache und Zweifache aneinanderhängt. Lipnizkaja wird jedenfalls den Lutz und den Toeloop in jeweils dreifacher Ausführung miteinander verknüpfen, und dazu werden sie den Soundtrack aus Schindlers Liste spielen. (Benno Zelsacher aus Sotschi, DER STANDARD, 18.2.2014)

ERGEBNISSE Eiskunstlauf, Eistanz, Endstand nach der Kür am Montag:

1. Meryl Davis/Charlie White (USA) 195,52 (Kurztanz 78,89/Kür 116,63) Pkt. - 2. Tessa Virtue/Scott Moir (CAN) 190,99 (76,33/114,66) - 3. Jelena Ilinych/Nikita Kazalapow (RUS) 183,48 (73,04/110,44) - 4. Nathalie Pechalat/Fabian Bourzat (FRA) 177,22 (72,78/104,44) - 5. Jekaterina Bobrowa/Dmitri Solowijew (RUS) 172,92 (69,97/102,95 - 6. Anna Cappellini/Luca Lanotte (ITA) 169,50 (67,58/101,92) - 7. Kaitlyn Weaver/Andrew Poje (CAN) 169,11 (65,93/103,18) - 8. Madison Chock/Evan Bates (USA) 164,64 (65,46/99,18) - 9. Maia Shibutani/Alex Shibutani (USA) 155,17 (64,47/90,70) - 10. Penny Coomes/Nicholas Buckland (GBR) 151,11 (59,33/91,78).

  • Julia Lipnizkaja zeigte die beste Kür im Teambewerb, an dem Weltmeisterin Kim Yuna allerdings nicht teilnahm.
    foto: ap/ghirda

    Julia Lipnizkaja zeigte die beste Kür im Teambewerb, an dem Weltmeisterin Kim Yuna allerdings nicht teilnahm.

  • Kerstin Frank (rechts) will drauf schauen, dass sie im Eisberg die Fledermaus auflegen.
    foto: apa/scheriau

    Kerstin Frank (rechts) will drauf schauen, dass sie im Eisberg die Fledermaus auflegen.

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