Sport ohne Fahnen - undenkbar?

18. Februar 2014, 05:30
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Für Menschen, die sich nicht zu einer Nation bekennen können oder wollen, ist es schwer, professionell Sport auszuüben

Ist professioneller Sport eigentlich ein "normaler" Beruf oder ist es eher mit Staatsdienst zu vergleichen? Bei den meisten Sportarten ist es quasi unmöglich, diese professionell auszuüben, ohne sich zu einer Nation zu bekennen. Medaillen werden nicht (nur) von Einzelnen errungen, sondern auch "für" Staaten. Medaillenspiegel orientieren sich naturgemäß also nicht nach Geschlecht, Alter oder der Haarfarbe der Athleten oder Athletinnen, sondern nach dem Trikotdesign.

Ausnahmen finden sich etwa unter einigen nicht-olympischen Sportarten wie Schach: Hier können Spieler und Spielerinnen zwischen den Ländern, für die sie spielen wollen, tatsächlich wechseln, so oft sie möchten – ein Antrag genügt, die Staatsbürgerschaft spielt keine Rolle. Außerdem gibt es in Ausnahmefällen die Möglichkeit, lediglich unter der Fahne der internationalen Schachorganisation FIDE zu spielen.

Bei den meisten Sportarten ist die Staatsangehörigkeit aber das ausschlaggebende Faktum für oder gegen den Antritt für ein bestimmtes Land. Sport und Nation sind also immer noch weitestgehend untrennbar verbunden. Dies hat auch organisatorische Gründe: Bei welchen Staatsmeisterschaften dürften staatenlose SportlerInnen denn antreten? Welche Qualifikationen für welche kontinentalen Bewerbe spielen? Der gesamte Sportbetrieb ist – von unterster Lokal- bis zu oberster Internatioalebene – nationalstaatlich organisiert.

Unabhängige Athleten

Sotschi 2014 ist erst das vierte Mal, dass unabhängige Athleten auch bei olympischen Spielen antreten durften. Dieses Kuriosum ist meist entweder Resultat neu gewonnener Unabhängigkeit verschiedener Territorien oder einem Fehlen oder Ausschluss eines nationalen olympischen Komitees.

Begonnen hat es mit SportlerInnen aus Jugoslawien bei den Olympischen Sommerspielen 1992: Das Land, das damals nur mehr aus den ehmaligen Teilrepubliken Serbien und Montenegro bestand, litt unter internationalen Sanktionen, die verhinderten, dass OlympiateilnehmerInnen Jugoslawien offiziell repräsentierten. Drei Medaillen wurden von ehemals jugoslawischen AthletInnen damals in Barcelona errungen. Keine Goldene - in diesem Falle hätte es nicht etwa die Lieblingslieder der AthletInnen gespielt, sondern die von den zwei Griechen Spyros Samaras und Kostis Palamas geschriebene olympische Hymne.

Die olympische Hymne während der Eröffnungsfeier der Sommerspiele 2000 in Sydney.

Die offiziell als "unabhängige olympische AthletInnen" bezeichneten Sportler laufen meist unter der olympischen Fahne ein und reihen sich alphabetisch zwischen "India" und "Iceland" ein: Independent. Heuer bei den Winterspielen in Sotschi sollte etwa der aus Indien stammende Shiva Keshavan in einem neutralen Dress beim Rodeln antreten. Er isttrainingstechnsich von privaten Spenden abhängig, auch andere unabhängige AthletInnen können nicht unbedingt auf die Unterstützung lokaler und nationaler Sportvereine zurückgreifen, um ihren Beruf auszuüben. Auch organisatorische Fragen wie Reisen und Unterbringungen bleiben mangels Netzwerk persönlich anfallende Kosten.

Die KollegInnen Shiva Keshavans, deren nationales olympisches Kommitee wegen Korruption ausgeschlossen wurde, konnten aber mit ihm ab dem 11. Februar 2014 wieder unter der indischen Fahne sporteln: Es war das erste Mal, dass das olympische Komitee einen Ausschluss während laufender Spiele aufhob.

Körper im Dienst des Staates

Kann man also hier überhaupt von einem Beruf sprechen, wenn die Aktivität so eng mit nationalen Fragen verwoben ist? Eine gute Ärztin operiert ja auch nicht "für" Österreich, eine Weltspezialistin in Sachen Nanotechnologie tritt nicht "gegen" andere Nationen an, eine preisgekrönte Journalistin muss bei der Annahme des Pulitzerpreises auch nicht ein farblich zum Pass passendes Sakko tragen. Bei den Unmöglichkeiten, der sportlichen Leidenschaft nationsfrei und trotzdem professionell nachzugehen, drängen sich Militärvergleiche auf: der Körper im Dienste des Staates.

Dass SportlerInnen bei den olympischen Spielen freiwillig die olympische Fahne hochhalten und sich weigern, sich zu einer "Nation" zu bekennen, ist jedenfalls noch nicht passiert. Wenn Sport, wie es im 6. Artikel der olympischen Vereinbarung steht, wirklich ein Menschenrecht ist: Sollte es nicht auch uneingeschränkt für jene gelten, die staatenlos sind oder sein wollen? Dabei sein ist angeblich alles. Aber für wen – das ist immer noch die Frage. (Olja Alvir, daStandard.at, 18.2.2014)

  • Fahnenträgerin der Amerikanischen Jungferninseln beider Eröffnungszeremonie in Sotschi 2014.
    foto: phil noble / reuters

    Fahnenträgerin der Amerikanischen Jungferninseln beider Eröffnungszeremonie in Sotschi 2014.

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