Wunden lecken, Fragen stellen

18. Februar 2014, 07:00
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Generationen in einem Körper vereint: Das Theater im Bahnhof zeigt die szenische Collage "Die Mütter" in Wien

"Gehören zum Feminismus Männerrechte auch?". Der da fragt, ist ein männlicher Teenager, der von seiner Mutter dargestellt wird. Sie hat sich dafür in seine Jeans gezwängt, die natürlich viel zu eng sind. Der Reißverschluss muss, darf offen stehen bleiben. Wo gibt's denn so was? Auf der Bühne, natürlich.

Protokollierte Selbsthinterfragung

Das Theater im Bahnhof aus Graz zeigt "Die Mütter", eine szenische Collage um feministische Role-Models im Wiener Brut. Inspiriert von den fotografischen Selbstinszenierungen der US-Künstlerin Cindy Sherman betreiben fünf Frauen eine recht schonungslose und überaus unterhaltsame Selbsthinterfragung ihrer Rolle als Mütter – und Töchter. Die Texte stammen aus Interviews, die ein Kulturanthropologe mit den Schaupielerinnen, ihren Müttern und ihren pubertierenden Kindern, allesamt zwischen 13 und 18 Jahren, unabhängig voneinander geführt hat.

Jetzt, wo die Kinder langsam aus dem Haus gehen, müssen sich die Frauen die Frage stellen: Und, was jetzt? Und warum? Und – wie bin ich verdammt noch einmal hierher gekommen? Eine Bestandsaufnahme also und ein Ausblick sind es, was uns hier sehr direkt und ohne großes Bühnenbild entgegenkommt. Es ist Regisseurin Monika Klengel und dem gesamten Team zu verdanken, dass das Erzählte nicht bloß im Persönlichen verhaftet bleibt, sondern über sich selbst hinaus etwas allgemein Gesellschaftliches erzählt.

Kriegerin, Forscherin, Technikerin

Dies gelingt zum Beispiel mit dem Mittel der Verfremdung. Im ersten Teil des knapp 90-minütigen Triptychons agieren die fünf Schauspielerinnen (Monika Klengel , Beatrix Brunschko, Juliette Eröd, Gabriela Hiti und Eva Maria Hofer) als Kriegerin, Forscherin, Technikerin, Artistin und Eremitin. Sie versuchen einander jenseits ihrer Mutterrolle mit Abenteuergeschichten und markigen Sprüchen zu beeindrucken: "Huskies, das ist Proviant, der sich selber trägt", wirft die Polarforscherin in die Runde. "Meine Wohnwagentür stand immer offen", begibt sich die Zirkusartistin in Opferkonkurrenz. "Alles hing von mir ab", prahlt die Taucherin mit der Rettung einer Bohrinsel.

Die Frauen rauchen dabei und saufen, springen und poltern halbnackt und in schrägen Maskierungen über die Bühne, zeigen sich und uns ihre Narben, lecken ihre Wunden. Dann wechseln sie ganz offen die Kostüme und schlüpfen in Rollen ihrer Mütter. Ganz leise ist dieser Teil des Triptychons, ganz sanft. Melodisch wie ein Chor erzählen die Frauen in Rede und Widerrede vom Schicksal ihrer Mütter. Sie sagen: "Wir haben studiert, um am Heiratsmarkt besser dazu stehen." Oder: "Unsere Männer haben uns finanziell abgesichert." Oder: Wir haben uns überreden lassen zu bleiben." Aber auch:  "Wir waren Hausfrau, Mutter und Angestellte." Hier wird, ohne viel Aufhebens darum zu machen, eine ganze Generation portraitiert, ohne sie über einen Kamm zu scheren. Text und Darstellung bleiben vielschichtig und vielgesichtig.

Ahnungslos, aber auch stark

Die Mütter sagen aber auch: "Wir sind so glücklich und selbst bestimmt, weil ihr jetzt aus dem Haus seid." Diesem spannenden Perspektivenwechsel folgt sogleich ein zweiter. Im dritten Teil stellen die Frauen ihre Söhne und Töchter dar und spielen sich dabei in Hochform. Mit einer kleinen Geste nur werden die kurzen Haare ins Gesicht gestrubbelt und aus einer Frau ein Bub. Die Körperspannung verändert sich, die Schultern sinken vor, der Knabe versinkt förmlich in seinem Ampelmännchen-T-Shirt. "Wir sind nach dem Mauerfall groß geworden", sagt er und: "Wann war der noch einmal?" So ahnungslos, aber auch stark, wissbegierig und voll Energie werden uns diese großen Kinder präsentiert. "Wenn Du heute was Kreatives machst, wird es immer gleich Design." Oder: "Ich möchte schon Kontakt zu meinen Eltern, aber in geografischer Distanz. Pflegen möchte ich sie nicht." Solche Sätze kann man nicht erfinden, man kann sie nur in eine Reihenfolge bringen. Im besten Fall eröffnen sie dann einen Bedeutungsraum, der zum Nach- und Weiterdenken anregt. Das ist hier mit Bravour geglückt. (Tanja Paar, dieStandard.at, 18.2.2014)                  

Weitere Informationen:

"Die Mütter" ist eine Koproduktion von Theater im Bahnhof und brut Wien.

Zu sehen im Brut im Künstlerhaus noch am 18. und 19. Februar 2014.

Tickets und Info: Tel.: 0043 1 587 05 04

www.brut-wien.at

Weitere Vorstellungen in Graz: 26., 27. und 28. Februar sowie 1., 4., 5., 13., 14. März 2014

Wo: Grazer Volkshaus, Lagergasse 98a, 8020 Graz

Theater im Bahnhof Graz

  • Fünf Frauen, drei Generationen: In "Die Mütter" liefern sie sich eine schonungslose Selbsthinterfragung.
    foto: johannes gellner

    Fünf Frauen, drei Generationen: In "Die Mütter" liefern sie sich eine schonungslose Selbsthinterfragung.

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    foto: johannes gellner
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