Prozess gegen Prügelpolizist oder Verleumdungsopfer

17. Februar 2014, 16:56
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Ein 33-jähriger Polizist soll zweimal Festgenommene geschlagen haben, in einem Fall gibt es zwei unbeteiligte Zeugen. Der Sachverständige entscheidet das Verfahren

Wien – Zwei Menschen, die unabhängig voneinander sagen, sie seien bei ihrer Festnahme geschlagen worden und zwei Unbeteiligte, die in einem Fall eine Ohrfeige gesehen haben wollen: Hört sich nach Polizeigewalt an. Richter Christian Böhm muss also herausfinden, ob Martin K. ein Prügelpolizist ist und ihm eine Kollegin bei der Vertuschung dieser Tatsache geholfen hat oder nicht.

Die Geschichte spielt in Favoriten, das in Wien gemeinhin nicht als Nobelbezirk gilt. Am 10. März 2012 alarmiert eine Kellnerin des Lokals "Medusa" die Polizei wegen eines randalierenden Gastes. Der 1,90 Meter große Mann wird auf die Polizeiinspektion gebracht, da er eine Schürfwunde am Ellbogen und an der Stirn hat, wird die Rettung verständigt.

Die leichten Verletzungen werden verarztet, dann eskaliert die Situation. Es kommt zu Beschimpfungen und Rangeleien, der Mann wird festgenommen. Beim ersten Verhandlungstag sagte er, er sei dabei vom Polizisten zwei bis zwanzig Mal geschlagen und durch den Raum gestoßen worden.

Zwei Sanitäter als Zeugen

Zwei der drei anwesenden Sanitäter wollen eine Ohrfeige des Beamten gesehen haben. Knapp sieben Stunden später stellte der Amtsarzt auch einen "punktförmigen Schleimhautdefekt an der Innenseite der Unterlippe" fest. Der medizinische Sachverständige Christian Reiter soll Böhm nun erklären, wie die entstanden ist.

Gewalt sei im Spiel gewesen, sagt er. Nur: Wäre die bei der Polizei gewesen, hätte der Mann bluten müssen – und das sagt nicht einmal er selbst. Wahrscheinlicher sei, dass sich der Mann schon im Lokal verletzt habe.

Im zweiten Fall soll K. im Streifenwagen einen hinter ihm sitzenden Festgenommenen mehrmals mit der Faust ins Gesicht geschlagen haben. Der Mann war zuvor in eine Rauferei verwickelt – und sagte das auch viereinhalb Stunden nach dem Vorfall im Krankenhaus so. Dorthin war er gegangen, da er eine Schwellung auf der Stirn hatte. Auch hier zweifelt Reiter: Mehrere Schläge hätten auch mehrere Schwellungen verursachen müssen.

"Überspitzte" Aussagen

Die Staatsanwältin glaubt zwar, dass die Verletzten "überspitzt" ausgesagt hätten, aber der Polizist sehr wohl zugeschlagen habe. Böhm ist anderer Meinung und spricht beide frei. Mit ganz leichtem Zweifel: "Dass der Angeklagte im ersten Fall mehr zur Deeskalation hätte beitragen können mag sein, aber das zu beurteilen ist nicht Sache des Strafgerichts." (Michael Möseneder, DER STANDARD, 18.02.2014)

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