Sandkistenspiel auf höchstem Niveau

18. Februar 2014, 11:31
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Der Bau des Einfamilienhauses in Wien-Sievering entwickelte sich zu einem Kräftemessen am sandigen Hang. Architekt Robert Kraus hat das Spiel gewonnen - und eine Luxusbleibe erschaffen

Wien - Vor einem Dreivierteljahr ist die fünfköpfige Familie hier eingezogen. Seit damals sind die Schulkameraden der Kinder, nunmehr engste Freunde des Hauses, regelmäßig zu Besuch. Und das liegt nicht nur am Schwimmteich und am riesigen Spielplatz mit seiner unterirdischen Rutschenlandschaft, sondern in erster Linie am Home-Cinema im Kellergeschoß (siehe Foto). Wand und Decke sind mit dickem Filz verkleidet. Akustik und Raumeindruck sind dramatisch. Und während die Kids Blockbuster schauen, üben die Eltern nebenan ein paar Trockenabschläge in der Indoor-Golfsimulationsanlage.

Jahrelange Suche

"Ja, das ist ein Once-in-a-Lifetime-Projekt", meint Architekt Robert Kraus, der sich vor Planungsbeginn bereits jahrelang mit der Objektsuche befasst hatte. Eigentlich hätte es ein Dachgeschoß in Wien-Neubau werden sollen. Geworden ist es schließlich eine steile Hanglage, nur wenige Schritte vom Stadtrand entfernt. Die Baufrau, sie möchte anonym bleiben, steht an der Glasfassade im Wohnzimmer und blickt hinab auf die Stadt. "Also wenn das nicht Dachgeschoß-Feeling ist! Und ehrlich gesagt können wir von Licht und Aussicht nicht genug kriegen. Wir haben lange Zeit in Manhattan mit Blick auf eine Ziegelmauer gelebt. Sogar unsere Katze wurde depressiv! Endlich können wir uns für das alles entschädigen."

Was heute so luftig und lichtdurchflutet erscheint, ist in Wirklichkeit Resultat eines ordentlichen Brockens Arbeit. Nach dem Abbruch der beiden Bestandsbauten, die hier einst standen, musste das Hanggrundstück erst abgefangen und dann modelliert werden. "Das war wie Sandspielen auf hohem Niveau", sagt Kraus. "Der gesamte Grund besteht aus Sand und Löss. Selbst bei den Tiefenbohrungen sind wir nicht auf festen Untergrund gestoßen." Insgesamt 13-mal wurde bis zu einer Tiefe von rund 130 Meter hinuntergebohrt. Die abgrundtiefe Anstrengung macht sich bezahlt: Die solcherart gewonnene Erdwärme versorgt das ganze Haus mit winters warmer und sommers kühler Luft. Ganz nebenbei wird der Swimmingpool beheizt. Zusätzliche Energiequellen sind obsolet.

Das Dachgeschoß heißt "Wonder"

"Während des Bauaushubs hat das Grundstück recht wild ausgesehen", erinnert sich Kraus. "Eine Spritzbetonwand mit Ankern und Bohrpfählen, und dann ist es ruckartig zwölf Meter nach unten gegangen." Der mächtige Geländesprung ist geschickt kaschiert: Obwohl sich das Haus über sechs Ebenen erstreckt, wirkt es dank seiner abgetreppten Geschoße kleiner, als es ist.

Lediglich im gläsernen Lift, der von der knallgelb lackierten Garage bis zur Dachterrasse hochführt, sind die Höhenmeter deutlich spürbar. Die lange Fahrt kann man sich mit ein bisschen Lektüre versüßen, sind doch die Stockwerke nicht fade durchnummeriert, sondern poetisch ins Tableau gefräst: Park, Enjoy, Relax, Lounge, Dream und Wonder. "Das Dachgeschoß steht für die Aussicht, die von hier oben wonderful ist", sagt die Baufrau, drückt den Knopf und betritt durch die sich elektrisch zur Seite schiebende Glastür den Yogaraum. "Das ist mein Lieblingsort. Hier bin ich allein mit der Natur. Aber Yoga muss man dann schon machen, denn allein durch das Öffnen der Türe hat man noch keine einzige Kalorie verbrannt." (Wojciech Czaja, DER STANDARD, 15.2.2014)

Zahlen & Fakten

  • Standort: Wien-Sievering
  • Planungszeit: 2010 bis 2011
  • Bauzeit Baugrube: drei Monate
  • Bauzeit Haus: Juni 2012 bis Mai 2013
  • Nutzfläche: 1500 m²
  • Baukosten: k.A.
  • Architekt: Robert Kraus, 1070 Wien
  • Die sechs Geschoße sind von der Straße aus kaum spürbar. Zu verdanken ist dies der abgetreppten Geometrie des Hauses.
    foto: andreas buchberger

    Die sechs Geschoße sind von der Straße aus kaum spürbar. Zu verdanken ist dies der abgetreppten Geometrie des Hauses.

  • Das Schlafzimmer der Eltern.
    foto: andreas buchberger

    Das Schlafzimmer der Eltern.

  • Das allseits beliebte, filzverkleidete Home-Cinema.
    foto: andreas buchberger

    Das allseits beliebte, filzverkleidete Home-Cinema.

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