"Die Kindertragödie": Platz für den Figurenschnitzer

17. Februar 2014, 06:56
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Philip Jenkins' Inszenierung ist der gelungene Versuch einer Verbrüderung mit dem Arzt und Diagnostiker Schönherr

Wien - Die Försterei in Karl Schönherrs Kindertragödie ist eigentlich ein Hochsitz. Unter der Kuppel des Volkstheaters, dort, wo die großen Stücke im Kleinen geprobt werden, liegt der "Schwarze Salon". Man betritt den Eingang, wird unter das Dach geleitet. Man bewältigt Stufen. Man ist hoch droben und fühlt sich dennoch in einen Abgrund versetzt. Das liegt am Stoff: Drei halbwüchsige Kinder bleiben mit ihren Nöten sich selbst überlassen.

Überfordert sind die Menschen in Schönherrs Gebirgswelt: mit sich, mit den Anforderungen einer engstirnigen Umwelt. Blut und Boden sind keine Kategorien, mit denen man Schönherrs Kunst zu fassen kriegte. Im Bewusstsein der Figuren blitzen Begehrlichkeiten auf, für die sie keine Sprache besitzen, wohl aber ein Gefühl für die Rechtmäßigkeit ihrer Beweggründe. Kurz: Man lauscht dem Tiroler Dialekt und ist alarmiert. Man hört etwas Widerspenstiges rumoren, eine Gewalt, die ungesagt bleiben muss.

Philip Jenkins' Inszenierung ist der gelungene Versuch einer Verbrüderung mit dem Arzt und Diagnostiker Schönherr. Bei ihm gehören die drei Geschwister (zwei Buben, ein Mädchen) in die Welt der sozialen Verlierer. Aus Matratzen hat Sabine Ebner (Ausstattung) einen Barrikadenzaun gebaut. Ein Gewehr hängt an einer Platte befestigt. Man weiß seit Tschechow, dass ein Schießprügel, der gut sichtbar vor einem hängt, irgendwann auch Blei spucken muss.

Die Mutter, die vor allem den Zweitgeborenen schätzt (Annette Isabella Holzmann als Bub), nützt die Pirschgänge des Gemahls aus. Das Bewusstsein von der mütterlichen Untreue gleicht einer Vertreibung aus dem Paradies. Zäh plagen sich die Kinder an der Schuldfrage ab. Das detektivische Interesse überlagert sich verwirrend mit der Einsicht in die Bodenlosigkeit des Daseins. Bitter altklug ist die Tochter (Andrea Bröderbauer), verträumt putzt der Ältere (Roman Schmelzer) die Dias mit Ansichten von der Kinderwelt. Sie sind Figuren von heute, denen das Pech vergangener Tage an den Schuhen klebt. Die Kindertragödie - ein kräftiges Lebenszeichen. Nicht erst seit Kusejs Weibsteufel-Inszenierung wäre Platz für Schönherr, den vergessenen Skeptiker aus Tirol. (poh, DER STANDARD, 17.2.2013)

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