Teufelstanz der Sprache

17. Februar 2014, 06:28
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Sofia Dias und Vítor Roriz im Tanzquartier Wien

Wien - Manchmal denken wir an ein Wort, das eine Lust in uns auslöst. Dessen Wiederholung steigert diese Lust noch und führt zu einem anderen Wort, zu einer Formulierung oder einem Satz. Aus so einem Erlebnis hat das portugiesische Choreografenpaar Sofia Dias und Vítor Roriz ein starkes Stück gemacht, das am Wochenende im Tanzquartier Wien zu sehen war.

In A Gesture That Is Nothing But A Treat führen die beiden Künstler mit bestechender Virtuosität vor, was die Sprache mit ihren Sprechern machen kann, wenn sie sie nach ihrer Pfeife tanzen lässt. Ein Tisch, zwei Sessel und im Hintergrund ein überdimensionales Foto, das ein von Efeu umranktes dunkles Loch zeigt, in dem wie große Federn aussehende Blätter wuchern, reichen für die Bühne. Das Paar erscheint. Er sagt zum Publikum: "Open your eyes." Sie wiederholt das. Aus der Wiederholung der Wiederholung entsteht eine Verwandlung: "I hope you are right." Diese Verwandlung verwandelt sich wieder und weiter.

Die Sprache scheint das Ruder zu übernehmen. Sie zieht die Tänzer hinter sich her, bis die mit Armen und Beinen zu fuchteln beginnen. Dann lässt sie sie ihre Gesten hampeln, schweigt ein wenig und legt wieder los: Von "I hardly criticize" bis "I'm going to hypnotize." Von "bad dream" zu "bathroom". Und: "Follow, hollow, arrow, Europe, I rope, you rape, corrupt, a rat."

Solche Assoziationsketten machen die zwei Sprechfiguren wild. Ihr Verhalten wirkt wie aus einem frühen Experimentalfilm von Martin Arnold geschnitten: endlose Wiederholungen mit minimalen Fortschritten, so wie sich ja auch Sprache in Kinder einliest, bis sie, die Sprache, die Menschen aufführt mit ihren Arten zu reden, ihre Gedanken formt, sich ihnen zuweilen versagt.

Die Sprache gaukelt uns Identitäten vor, und oft reitet sie uns, als wäre sie der Leibhaftige. Dann kann sie zur Bedrohung werden. All das führen Sofia Dias und Vítor Roriz vor - leicht und dramatisch, mit Witz und Wendigkeit. Ein packendes Erlebnis.(Helmut Ploebst, DER STANDARD, 17.2.2014)

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