Berlinale-Sieger Diao Yinan: Mit Feuerwerk und Blues zum Festivalerfolg

16. Februar 2014, 18:36
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Ein Knallkörper nach dem anderen explodiert am Himmel, manche davon verirren sich auch auf die Straße. Am Ende von Black Coal, Thin Ice, für den Diao Yinan den Goldenen Bären bei der Berlinale gewonnen hat, steht ein Feuerwerk, das außer Kontrolle gerät. Nun kann der chinesische Filmregisseur selbst eines entzünden: Die Überwältigung war ihm ins Gesicht geschrieben, als er am Samstagabend die Trophäe von US-Produzent James Schamus entgegennahm.

Mit seinem dritten Spielfilm hat sich der Regisseur, der bisher im Schatten berühmterer Kollegen wie Zhang Yimou oder Jia Zhangke stand, sprunghaft in die erste Liga der Filmemacher seines Landes katapultiert. Für ein fachkundiges Publikum galt Diao Yinan, der 1968 in der Universitätsstadt Xi'an geboren wurde, allerdings schon seit seinem zweiten Film, Night Train, als eine der unverwechselbareren Stimmen seiner Generation.

Das schwermütige Drama um eine Frau, die im Todestrakt eines Gefängnisses arbeitet und sich in ihrer Freizeit bei einer Partnervermittlung um einen Ehemann bemüht, wurde 2007 auf dem Filmfestival Cannes ausgezeichnet. Jenseits der populären, extravaganten Genrefilme Chinas steht Diao Yinan für ein digitales, unabhängiges Kino, das sich sozialen Widersprüchen mit wachem Auge stellt. Selbst wenn er sich, wie nun in Black Coal, Thin Ice, an der bluesig-eisigen Grundstimmung des Film noir orientiert: Die wachsende Isolation der Städtebewohner bleibt bestimmendes Thema von Diao Yinan.

Seine Ausbildung absolvierte der 45-jährige Regisseur an der Central Academy of Drama in Peking, um hernach als Drehbuchautor für Zhang Yang (Shower, Spicy Love Soup) Erfahrungen zu sammeln. 2003 realisierte er sein Debüt Uniform. Es erzählt von einem Mann, der in einer Wäscherei arbeitet, sich aber als Polizist ausgibt, um schneller an Geld zu kommen.

Mit der Zensur in seinem Land geriet der Regisseur bis jetzt nicht in Konflikt; Night Train lief allerdings nie regulär im Kino an. "Die da oben denken: Wenn du Kunstfilme machst, ist fast alles deine eigene Verantwortung", erzählte er einmal im Interview. "Bei kommerziellen Filmen sieht das schon ganz anders aus." In Zukunft wird er wohl auch am Heimmarkt mit mehr Aufmerksamkeit rechnen müssen: Sein Preis und jener an seinen Hauptdarsteller Liao Fan wurden in Chinas Netzportalen groß gefeiert. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 17.2.2014)

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