"Presse/Wirtschaftsblatt": Styria-Boss empfiehlt "nicht nur negative Gefühle"

16. Februar 2014, 11:13
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"Presse" fragt ihren Konzernboss Markus Mair: "Was haben Sie bisher erreicht?" - Nachruf auf Zeitung "keine ernst zu nehmende Aussage"

Samstag sargte der ehemalige Chefredakteur Michael Fleischhacker auf der Titelseite des "Presse"-Wochenendfeuilletons das Genre Zeitung ein. Sonntag glaubt der neue Vorstandschef von Mutterkonzern Styria "nicht an den Tod der Zeitung". "Die Presse" fragt den neuen Styria-Boss Markus Mair auch zu ihrem noch näheren Zusammenrücken mit dem "Wirtschaftsblatt". Mair empfiehlt den Kollegen "nicht nur negative Gefühle".

"Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak und Medienredakteurin Anna-Maria Wallner fragen Mair im Mittelteil: "'Presse' und 'Wirtschaftsblatt' werden in den nächsten Wochen näher zusammen­rücken und Synergien finden. Wie viel Zeit geben Sie diesem Projekt?" Mair: "Wir haben nicht alle Zeit der Welt. Aber etwas Neues zu machen soll nicht nur negative Gefühle auslösen. Was wir mit dem 'Wirtschaftsblatt' vorha­ben, ist spannend: Wir wollen eine Zei­tung für neue Leser und Zielgruppen öffnen."

Presse/Wirtschaftsblatt: Effizienzfrage "muss erlaubt sein"

Wie das Zusammenrücken vonstatten gehen soll, soll in den nächsten Tagen der Belegschaft mitgeteilt werden - naturgemäß nicht über die eigene Zeitung aus dem Mund des Vorstandschefs. Zuletzt sorgten schon begonnene Baumaßnahmen für darüber nicht informierte "Wirtschaftsblatt"-Mitarbeiter bei der "Presse" für Unruhe. Und zuwenig Platz dort, gemessen an den Empfehlungen und quasi ersessenen Rechten der "Wirtschaftsblatt"-Redaktion.

Mair findet, heute "muss die Frage er­laubt sein, was es heißt, effizient in einer Redaktion zu arbeiten." Was das bedeutet, fragen die Kollegen: "Wir reden von einem ge­meinsamen vernünftigen Nenner zwi­schen journalistischen Inhalten und dem betriebswirtschaftlichen Rahmen, diese Inhalte erstellen zu können. Und da hat jedes Unternehmen eine eigene Ausgangssituation."

"Wichtig für unsere Existenz"

Über anstehende Sparmaßnahmen fragen die "Presse"-Interviewer also ihren Konzernboss nicht im Detail, sprechen ihn aber auch auf Grant der Belegschaft an: "'Die Presse' hatte 2013 wirtschaftlich ein sehr gutes Jahr, was auch an den Einspa­rungen liegt, die Unmut unter den Mitarbei­tern auslösen." Mair: "Ich verstehe, wenn man als Journalist das Gefühl hat, dass ein Unternehmen ausschließlich wirtschaftlich getrieben ist. Nur ist das bei uns nicht der Fall. Der Vorstand weiß, dass diese intel­ligente Kombination aus gesundem Wirtschaften und dem Herstellen von qualitätsorientierten Produkten wich­tig ist. Und ich wiederhole noch ein­mal: Die wirtschaftliche Unabhängig­keit ist wichtig für unsere Existenz. Geht sie verloren, gibt es irgendwann das Produkt nicht mehr."

Damit rechnet nun ja Fleischhacker für das ganze Genre Zeitung. Mair: "Wir sind angetreten, Zeitun­gen zu produzieren. Wir sollten weni­ger diskutieren, ob die Zeitung sterben wird, sondern, was wir heute mit der Zeitung machen können. Die Inhalte werden sich verändern müssen, auch, um junge Leser anzusprechen. Es wird auch in zehn und zwanzig Jahren noch eine Zeitung geben. Möglicherweise nicht alle, die heute auf dem Markt sind, aber unsere Zeitungen werden dann noch da sein."

"Keine ernst zu nehmende Aussage"

Mair widerspricht naturgemäß Fleischhackers Buchtitel ("Die Zeitung. Ein Nachruf"), das Buch hat er noch nicht gelesen: "Keine ernst zu nehmende Aussage, aus der man eine konkrete Strategie für ein Medienhaus wie die Styria ableiten kann."

Eine Strategie für die Styria erkennt auch Mairs Vorvorgänger offenbar nicht, Horst Pirker, der künftig die Verlagsgruppe News führt. Sparen ist keine Strategie, sagte Pirker, wohl mit Blick nach Graz. Mair: "Wenn man die Strategie der Styria auf das Sparen reduziert, zeigt das eine große Unkenntnis. Denn wir investie­ren ja permanent im Printbereich in die bestehenden Marken und im Digi­tal-Geschäft auch in neue. Wir wollen unseren digitalen Umsatz bis 2016 ver­doppeln. Die Styria wird ihre eigene Geschichte schreiben."

"Was haben Sie bisher erreicht?"

"Was haben Sie bisher erreicht?" würde Chefredakteur Nowak wohl kaum einen anderen Gesprächspartner beim Interview fragen; auch nicht nach der Einleitung "Politiker bekommen von Medien gern eine 100-tägige Schonfrist. Ihre ersten 100 Tage sind um." Aber beim eigenen Konzernboss kann man das schon verstehen. Mair dazu unter anderem: "Wir haben ein gutes Jahr abgeschlos­sen und im Vorstand eine hohe Stabili­tät erreicht, was in der Vergangenheit nicht immer der Fall war. Wir haben ein ambitioniertes Budget für 2014 auf­gestellt. Operativ ist es gelungen, die Zugriffe auf unsere Digitalmedien stark zu steigern, und so nebenbei wur­de auch die Holding umstrukturiert."

Im Gegensatz etwa zu Springer sieht Mair das eigene Haus, wenn er sagt: "Das, was andere tun, wird die Styria nicht machen, also Printmarken verkaufen, um damit finanzielle Mittel für neue Digitalinvestitionen zu be­kommen. Trotzdem entwickeln wir selbst digitale Anwendungen oder kau­fen diese zu. Wir wissen, was wir kön­nen. Wir wissen aber auch, wo wir un­sere Schwächen haben."

Zeitungskäufe schließt Mair nicht aus - er "kann heute nicht ausschließen, dass wir Investitionen im sogenannten Old Business machen, wenn diese Investi­tionen gesamtstrategisch einen Sinn er­geben." Ohnehin gebe es praktisch keine Medienunternehmen mehr, die allein als Verlage operieren ohne digitale Medien. Die Styria werde "ein multimediales Verlagshaus bleiben". 

"Ich möchte nicht den ORF attackieren"

"Die Presse" spricht Mair auch auf den ORF und seine 600 Gebührenmillionen im Vergleich zu elf Millionen Presseförderung an: "
Ich möchte nicht den ORF attackieren. Per se hat er eine wichtige Funktion in der Republik, und dieser kommt er in großen Teilen auch gut nach. Wirt­schaftlich betrachtet stehen wir in einem Wettbewerb, der mit sehr un­gleichen Mitteln ausgetragen wird.

"Sind Sie also für die Presseförderung?", fragt "Die Presse". Mair bejaht.

Er geht übrigens auch davon aus, dass der Aufsichtsrat der Styria künftig nicht ausschließlich mit Männern besetzt sein wird. (fid, derStandard.at, 16.2.2014)

 

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