Experte: "Sie führen ein Rückzugsgefecht"

Interview15. Februar 2014, 14:04
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Rechtsextremismusforscher Andreas Peham sieht Burschenschafter aktuell in einer Nachwuchskrise

STANDARD: Weshalb stehen schlagende Burschenschaften derzeit so stark in der Öffentlichkeit?

Peham: Sie werden in die Öffentlichkeit gezerrt. Sie führen ein Rückzugsgefecht. Das ist die Folge von verstärkter öffentlicher Kritik, die ihren Anfang 1994 beim Tiroler Freiheitskommers hatte. Da gab es 4000 Gegendemonstranten. Seit damals kann man es sich kaum leisten, politisch bei den Burschenschaften anzustreifen. Oberösterreichs Landeshauptmann Pühringer als Gast beim Burschenbundball oder vereinzelte Rektoren sind Ausnahmen.

STANDARD: Aber Zulauf von der Jugend haben sie noch genug?

Peham: Nein, sie haben tatsächlich ein Nachwuchsproblem. Sie versuchen etwa über neue Gruppen wie die Identitären, die vor allem in Graz und Wien stark sind, Jugend zu rekrutieren.

STANDARD: Bei den Identitären gibt es Überschneidungen zu Neonazikreisen.

Peham: Ja, aber die gab es mit Burschenschaften seit 1945 immer wieder. Nicht mit allen, aber mit einigen. Sie waren schon ab 1933, also als die NSDAP in Österreich verboten wurde, perfekte Tarnorganisationen für NSDAPler.

STANDARD: Sind manche heute noch Tarnorganisationen?

Peham: Ja, auch jetzt nutzen Neonazis manche Burschenschaften als Rückzugsgebiet und Schutzmantel. Sie sind deswegen ideal, weil es hier etwa ein Konventsgeheimnis gibt.

STANDARD: Welche Burschenschaften sind besonders betroffen?

Peham: Natürlich etwa die Teutonia. Da gab es Überschneidungen mit Leuten von Gottfried Küssels Volkstreuer außerparlamentarischer Opposition in den 1980ern und 1990ern. In jüngster Zeit gab es Verbindungen zu Alpen-Donau-Seite. Der mit Küssel verurteilte Felix B. war, kurz bevor man ihn erwischte, bei einer Aktion von Jungen der Olympia, die sich um 2008 radikalisiert haben.

STANDARD: Haben sich auch andere Burschenschaften in den letzten Jahren radikalisiert?

Peham: Einige schon. Es gibt einen Generationenkonflikt. Es gibt Alte Herren, denen die Jungen zu radikal wurden und die deshalb nach Jahrzehnten ausgetreten sind. Und die älteren nehmen ihr Geld mit, das ist ein wichtiger Faktor für die Verbindungen.

STANDARD: In der FPÖ wächst die Burschenschafterdichte jedenfalls.

Peham: Ohne die Burschenschaften hätte sich die FPÖ 2005 nicht so stark erholt. Dafür wurden sie belohnt: 2011 nahm die FPÖ das "Bekenntnis zur deutschen Volksgemeinschaft" wieder auf, das erst 1998 gestrichen wurde. Es ist eine wechselseitige Abhängigkeit. Sie sind das intellektuelle Rückgrat der Partei, haben Einfluss in der Wirtschaft und bekommen von der FPÖ Mandate und Jobs im Parlamentsklub, bei Bildungsvereinen und Publikationen. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 15.2.2014)

Andreas Peham (46) ist Rechtsextremismusforscher, arbeitet für das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes.

  • Burschenschafter bei einem Festkommers in der Hofburg.
    foto: reuters/bader

    Burschenschafter bei einem Festkommers in der Hofburg.

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