Schlagende Geschichtsklitterungen

14. Februar 2014, 18:38
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1848-Feier dient schlagenden Burschenschaften als Ablenkungsmanöver, um ihr Nazi-Erbe zu kaschieren

Wien - Vor 166 Jahren, fand die bürgerliche Revolution des Jahres 1848 statt: Ausgehend von demokratischen Bestrebungen in deutschen Fürstentümern führte die Bewegung auch in Österreich zu Reformen, die letztlich schwach ausfielen. Aber immerhin wurde Metternich auch durch Hilfe von burschenschaftlich organisierten Studenten verjagt.

Warum rechte schlagende Wiener Burschenschaften aber gerade heuer das Jahr 1848 feiern wollen, ist - zumindest historisch betrachtet - schwer erklärlich: Abgesehen vom fehlenden runden Jubiläum, wurden die Burschenschaften, die im Mai ein "Fest der Freiheit" feiern wollen, erst nach 1848 gegründet: Die organisierende Olympia 1859, die Libertas 1860, die Germania 1861, die Albia 1870 oder die Nibelungia 1904.

Offensichtlich dient die Erinnerung an 1848 den Schlagenden als Feigenblatt, um damit die wichtige Rolle der deutsch-nationalen Burschenschaften auf Österreichs Weg in den Nationalsozialismus zu überdecken. Tatsächlich trugen die rechten Studentenrecken, die bereits in den 1920er-Jahren explizit als Hakenkreuzler und Nationalsozialisten auftraten, wesentlich zum militanten Antisemitismus und zur Radikalisierung nicht nur an Universitäten und Hochschulen lange vor 1938 bei.

Nachlesen lässt sich das nicht nur in hunderten Zeitungsartikeln aus der Zwischenkriegszeit, die ab 1923 zunehmend von "Hakenkreuzler-Krawallen" oder "Nazi-Terror" an der Uni berichten. Die regelmäßigen Gewaltexzesse der Schlagenden sind auch in Memoiren wie jener der Germanistin Minna Lachs dokumentiert, die einen besonders brutalen Übergriff im Jahr 1928 so beschrieb: "Die Burschenschafter waren wieder einmal mit 'Juda verrecke' in die Hörsäle gestürmt und zerrten die jüdisch aussehenden Studenten unter Schlägen aus dem Saal und prügelten sie bis zur Rampe der Universität hinunter."

Die Rolle der schlagenden Burschenschaften in der Zwischenkriegszeit wird auch in wissenschaftlichen Arbeiten aus der NS-Zeit ausführlich erörtert. So in der Dissertation "Der Anteil der Wiener waffenstudentischen Verbindungen an der völkischen und politischen Entwicklung 1918 -1938", approbiert 1940. Autor Erich Witzmann, betreut vom Wiener Historiker und Akademie-Mitglied Wilhelm Bauer, schrieb: "In diesen Jahren erkannte der ostmärkische Waffenstudent, dass er keineswegs ein Deutscher zweiten Ranges war, dass er im Gegenteil ein festgefügteres Weltbild als der Reichsdeutsche besaß und dass er diesem in allen völkisch-nationalen Belangen weit überlegen war." Kurz gesagt: Österreichische Schlagende waren schon in der Zwischenkriegszeit radikaler eingestellt als deutsche. Dass die Burschenschaften dann in der NS-Zeit formell verboten wurden, lag vor allem daran, dass man auch bei Studenten nach Gleichschaltung im nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund strebte. Die ideologischen Differenzen waren, so überhaupt existent, minimal. Folglich gab es auch korporierte NS-Verbrecher, wie Ernst Kaltenbrunner von der Arminia Graz.

Nach dem "Anschluss" wurden viele Spitzenposten mit Burschenschaftern besetzt, die auch NSDAP-Mitglieder waren. Um nur ein paar zu nennen, denen auf den Homepages einschlägiger Burschenschaften immer noch stolz - ohne NS-Bezug - gedacht wird: Burgtheaterdirektor in der NS-Zeit, Mirko Jelusich, zuvor Feuilletonchef des Nazi-Blattes Deutsch-Österreichische Tageszeitung, war genauso bei der Burschenschaft Gothia wie Historiker und NSDAP-Mitglied Heinrich Srbik, Präsident der Akademie der Wissenschaften zwischen 1939 und 1945.

Auf beide ist die Gothia noch heute stolz wie auch auf ihr einstiges Mitglied Georg von Schönerer. Unerwähnt bleibt, dass dieser radikaler Antisemit und Vorbild Hitlers war. Denn das versteht sich - anders als die erfundene Traditionslinie zurück bis 1848 - von selbst. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 15.2.2014)

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