Norweger setzten Trends: Mit "Slow-TV" gegen den Strom

14. Februar 2014, 16:51
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Moderatoren, die ein Haus in die Luft sprengen und eine 134 Stunden lange Übertragung einer Schiffsfahrt findet man inzwischen auch in Amerika interessant

Oslo - Rune Nilson und Per Olav Alvestad tun das, wovon jeder Lausbub träumt: Sie bringen eine Geburtstagstorte zum Explodieren, sie füllen ein Wasserbett, bis es platzt und machen Tomatensuppe im Geschirrspüler. Kurz gesagt: Sie tun das, was man laut Packungsbeilage mit den Dingen auf gar keinen Fall tun sollte. Und sie haben einen Mordsspaß dabei.

Ihre Sendung "Ikke gjor dette hjemme" heißt zu Deutsch "Mach das bloß nicht zu Hause" und ist einer der Exportschlager des norwegischen Rundfunks NRK. In sechs Länder ist die Serie inzwischen verkauft worden, darunter auch nach Deutschland, wo Wigald Boning mit "Nicht nachmachen!" vor allem bei jungen Zuschauern einen Erfolg landete.

Lernen

Dabei hatten die beiden norwegischen Moderatoren - einer ist Komiker, der andere ein Wissenschafter - bei ihrer Sendung nicht nur den Spaß im Hinterkopf. Wenn sie einen Wohnwagen mittels eines Vakuums zusammenfalten oder die Kompostierung eines toten Rehs über Wochen beobachten, kann der Fernsehzuschauer durchaus etwas lernen.

Ebenso skurril und nicht zum Nachmachen empfohlen ist die Serie "Fylla", zu Deutsch "Suff", die ebenfalls im öffentlich-rechtlichen NRK ausgestrahlt wurde. Hier wollte Moderator Ole Andre Sivertsen wissen, was eigentlich mit dem Körper geschieht, wenn wir uns so richtig betrinken. Bilder von jungen Menschen, die nicht mehr aufrecht gehen konnten, unverständlich lallten und sich schließlich übergaben, flackerten über den Bildschirm. Alles im Namen der Wissenschaft.

Let it flow als Devise

Doch auch das andere Extrem macht in Norwegen Quote: das "Sakte-TV", das langsame Fernsehen oder auch Englisch "Slow TV" genannt. Kein Action, kein Drama, nein, es gibt nicht einmal eine geplante Handlung bei diesem Genre, das inzwischen international Nachahmer findet. Die Devise ist: Let it flow.

"Geboren" wurde dieses Format 2009, als der öffentlich-rechtliche Sender NRK die Fahrt der "Bergensbanen" zeigte. Siebeneinhalb Stunden tuckerte der Zug durch die Landschaft, von Bergen nach Oslo. Die Idee war eigentlich aus Deutschland abgeguckt, gesteht Programmleiter Rune Moklebust. Nur dass die Norweger sich trauten, die Bahnfahrt nicht nachts sondern zur besten Sendezeit am Freitagabend zu zeigen. 1,2 Millionen Norweger schauten sich das an, das ist mehr als ein Fünftel der Bevölkerung.

134 Stunden Nonstop-Übertragung

Zwei Jahre später folgte die Schiffsfahrt entlang der Hurtigruten. Minute für Minute, Tag und Nacht sendete der NRK Bilder der Schiffspassage entlang der Küste, von Bergen im Süden bis Kirkenes im Norden. Am Ende waren es 134 Stunden Nonstop-Übertragung. Die Norweger waren begeistert. Sie standen am Ufer und winkten, begleiteten das Kreuzfahrtschiff mit ihrem Segelboot und sangen Lieder, wenn es in ihren Hafen einfuhr. Vor allem diese Möglichkeit der Interaktion sei es, die das Format so erfolgreich macht, meint Programmleiter Moklebust. "Jeder Norweger träumt von den Hurtigruten, unsere Sendung gab ihnen das Gefühl, selbst auf dem Schiff zu sein."

Doch damit nicht genug. Vor einem Jahr sendete der Norwegische Rundfunk eine 12 Stunden lange Sendung über Holz. Die ganze Nacht hindurch konnte man am Bildschirm ein Kaminfeuer herunterbrennen sehen. Dazu gab es Interviews und Reportagen, ab Mitternacht dann nur noch hin und wieder ein Gedicht oder ein Lied. Ansonsten passierte nicht viel. Trotzdem schaute fast jeder fünfte Norweger die "Nationale Holznacht" für länger als eine Minute. In diesem Winter schließlich folgte die "Nationale Stricknacht", bei der es 12 Stunden lang unter anderem darum ging, wie aus einem Schaf ein Norwegerpullover wird. Einschaltquote: 25 Prozent.

12-stündiges Programm über Holz

Für Rune Moklebust ist dieses Slow-TV kein Phänomen, das nur in Norwegen funktioniert. "Wenn man an den Inhalt glaubt, dann kann man dem Fernsehzuschauer einiges zumuten", meint der Journalist. Es käme auf das Thema an. Für die Norweger spielt die Natur eine große Rolle, deshalb kann man ihnen ein 12-stündiges Programm über Holz zumuten. Andere Länder müssten einfach nur ihr Thema finden und es richtig präsentieren, meint Moklebust.

Die amerikanische Produktionsfirma LMNO Productions hat nun das Knowhow für die Produktion der Hurtigruten - Minute für Minute - gekauft. Wie sie es umsetzen wird, ist noch nicht klar. Auf die Frage, warum das Slow-TV-Format für sie interessant sei, sagte Lori Rothschild Ansaldi von LMNO der "New York Post", es sei das Gegenteil der sonst in den USA üblichen Doku-Soaps. "Es lässt dich atmen." (Von Sigrid Harms, dpa, 14.2.2014)

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