Weisheitszahn als Beweis für Strafmündigkeit

14. Februar 2014, 17:21
27 Postings

Eine junge Angeklagte soll die Komplizin jenes Burschen sein, der in der Vorwoche vom Richter entlassen wurde, da er möglicherweise strafunmündig ist. Bei ihr legt sich die Sachverständige fest: Sie ist zumindest fast 18 Jahre alt

Wien – Die Angeklagte, die von drei Justizwachebeamtinnen in den Verhandlungssaal vor Richterin Martina Frank geführt wird, ist maximal 1,50 Meter groß, dünn und sitzt mit großen, ängstlich blickenden Augen auf dem Anklagestuhl im Wiener Straflandesgericht. "Entschuldigung, was ist das?", übersetzt der Dolmetscher ihre erste Frage an Frank. "Die Verhandlung", wird sie aufgeklärt.

17 Taschendiebstähle soll sie in Wien gewerbsmäßig begangen haben, als Mitglied einer kriminellen Vereinigung. Die drohende Strafe dafür: Drei Monate bis zweieinhalb Jahre Haft.

Der Grund für das große Medieninteresse: Die Angeklagte soll die Komplizin jenes Burschen sein, der in der Vorwoche von einem Richter freigelassen worden ist, da nach dem zahnärztlichen Gutachten nicht auszuschließen war, dass er unter 14, also strafunmündig, sei.

Geburtsjahr von Mutter erfahren

Also kommt der routinemäßigen Feststellung der Personalien Bedeutung zu. "Wie alt sind Sie?", fragt die Richterin. "14." "Wann sind Sie geboren?" "Am 27. Dezember 2001." Was bedeuten würde, dass sie erst zwölf Jahre alt ist. "Haben Sie den 14. Geburtstag schon gefeiert?", bohrt Frank daher nach. "Ja, vor zwei Monaten." "Mit dem Geburtsjahr 2001 geht sich das aber nicht ganz aus." "Das ist das Datum, das mir meine Mutter gesagt hat."

Also kommt neuerlich der zahnärztlichen Gutachterin Martina Gredler die entscheidende Rolle zu. Und die legt sich ganz klar fest: Ein Weisheitszahn im Oberkiefer sei "vollständig durchgebrochen und hat die Kauebene erreicht". Sie zitiert aus zahlreichen Studien aus den Jahren 1962 bis 2007 über die Bedeutung dieses Umstandes. "Sie ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit mindestens 17 Jahre und acht Monate, wahrscheinlich älter", sagt sie.

Vertagt auf Ende Februar

Verteidiger Arno Pajek hat seine Mandantin am Vortag erstmals gesehen und beantragt daher eine Vertagung, um sich vorbereiten zu können. Die wird gewährt, in Untersuchungshaft bleibt die Angeklagte aber: Flucht- und Tatbegehungsgefahr sind für Frank dafür die Gründe. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 15.02.2014)

Share if you care.