Washington: Das Kreuz mit dem Wintersturmalarm

14. Februar 2014, 16:29
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Im Gegensatz zu Washington bestand New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio auf offene Schulen und bekam dafür Contra

Es begann damit, dass das "City Paper", Washingtons Lokalmagazin, vor der heranziehenden Wetterfront warnte, mit einem Fatalismus, der eigentlich schon alles sagt über die Einstellung der Stadt gegenüber heranziehenden Wetterfronten. "Wintersturmalarm schränkt Funktionsfähigkeit der Region ab sofort ein", lautete die Schlagzeile. Das war am Mittwoch, da war noch keine Schneeflocke gefallen, doch Vincent C. Gray, der Bürgermeister, hatte bereits den Wintersturmalarm ausgerufen.

So ein Dekret führt zu unmittelbaren Konsequenzen. Nicht nur, dass an den Schulen tags darauf der Unterricht ausfällt, nach Erfahrungswerten selbst dann, wenn es nicht schneit. Auch die Taxifahrer nutzen den Alarm, indem sie einen Wintersturm-Obolus draufschlagen, 15 Dollar pro Fahrt. Aber er hat auch positive Seiten, der präventiv verhängte Ausnahmezustand.

"Keep calm and cancel everything!"

Der Kongress stimmte in einem Tempo über eine Anhebung der Schuldengrenze ab, wie es langjährige Beobachter parlamentarischer Bremsmanöver schlicht nicht für möglich hielten. Am Dienstag segnete das Repräsentantenhaus ein höheres Schuldenlimit ab, am Mittwoch folgte der Senat, ohne groß zu debattieren, während eilige Volksvertreter via Twitter verbreiteten, dass sie vor allem eines wollten: die Stadt verlassen, bevor sie in der Notstandsschockstarre erfror. Mittwochnacht rieselte der Schnee dann tatsächlich vom Himmel, rund zwanzig Zentimeter auf einmal, was die Washingtonians zuletzt im Februar 2010 erlebt hatten, beim apokalyptisch, in Anlehnung ans Jüngste Gericht betitelten Snowmageddon.

Am Donnerstag gab es keinen Termin im politischen Kalender, der nicht gestrichen worden wäre. Janet Yellen, die Notenbankchefin, verzichtete wie selbstverständlich auf eine Anhörung. Das Ministerium für Arbeit kippte eine Pressekonferenz über ökonomische Eckdaten, verbunden mit einer E-Mail, in der es hieß, man ziehe es vor, dass die Leute ihren Tag "warm und sicher"verbringen. Busse fuhren nicht mehr, die Flughäfen stellten de facto ihren Betrieb ein, ein Café warb mit dem Wappen der britischen Krone und der Abwandlung eines millionenfach auf Teetassen prangenden Spruchs. "Keep calm and cancel everything!"

Offene Schulen trotz Snowchi

Am Freitagmorgen schien wieder die Sonne, und die Medien hatten sich auf einen Namen für das Naturereignis verständigt: Snowchi, frei nach dem beneidenswert milden Austragungsort der Winterspiele. Die Schulen blieben geschlossen, sodass die Kids fünf Tage hintereinander frei haben, denn am Montag ist Presidents' Day, Feiertag. Und wer bei der Bundesregierung angestellt ist, durfte seinen Job per Tele-Arbeit erledigen und sich vor der eigenen Haustür dem Schneeschaufeln widmen. Business as usual.

Dumm nur, dass Bill de Blasio dazwischenfunkte, der neue Bürgermeister New Yorks. Dort tobte Snowchi genauso heftig, doch de Blasio bestand auf offenen Schulen, was er mit einem Seitenhieb gegen das kapitulierende Washington verband. New Yorker, sagte der Mayor, seien starke Charaktere, die sich von ein paar meteorologischen Unannehmlichkeiten nicht gleich aus der Bahn werfen lassen, "anders als die Bewohner anderer Städte in diesem Land". Es klang nach John F. Kennedy, einem Yankee aus dem winterharten Boston. Der hatte Washingtons wunden Punkt getroffen, als er der Stadt eine Mischung aus südlicher Effizienz und nördlichem Charme bescheinigte.

In Washington registrieren sie freilich voller Schadenfreude, dass de Blasio im Nu Contra bekam, von Al Roker, Amerikas bekanntestem Wettermann. Einem New Yorker. "Herr Bürgermeister", twitterte Roker, "ich könnte New York City zwar niemals verwalten, aber ich weiß, wann es richtig ist, die Kinder nicht in die Schule zu schicken". (Frank Herrmann aus Washington, derStandard.at, 14.2.2014)

  • Snwochi legt den Nordosten der USA lahm.
    foto: apa/epa/jim lo scalzo

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