Bis zu 20.000 Euro für ein diebisches Kind

14. Februar 2014, 18:17
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Minderjährige oder strafunmündige Taschendiebe sorgen seit einem guten Jahr in Wien für Probleme. Mindestens 70 sollen in Wien Beute machen, an die Hintermänner kommt man nur schwer

Wien - Zwischen 700 und 20.000 Euro kostet ein Kind. Je nachdem, wie groß sein "Talent" für Diebstahl ist. Die Rede ist von minderjährigen und teils strafunmündigen Roma-Kindern, die ihren "Preis" rasch wieder hereinbekommen. Zwischen 1000 und 2000 Euro erbeuten die "Begabtesten" pro Tag.

Die Zahlen stammen nicht nur von der heimischen Polizei, auch in einem Bericht der europäischen Polizeibehörde Europol findet man sie. Die Londoner Polizeibehörde Metropolitan Police ermittelte 2010/11 gegen rumänische und bulgarische Tätergruppen, die in Großbritannien insgesamt 181 Kinder untereinander gehandelt haben. Dort gingen die "Preise" sogar bis zu 24.000 Euro, ein Kind sorgte für ein geschätztes Jahreseinkommen von 160.000 Euro.

Derzeit sind es vor allem bosnische Kinder, die für Aufregung sorgen. Die aber nicht nur Straftaten begehen, sondern vor allem Opfer sind. Gehandelt innerhalb von Großfamilien, werden sie offiziell abgegeben, "damit sich jemand um das Kind kümmert". Aktiv sind sie europaweit, derzeit wird ein Schwerpunkt in Italien beobachtet, der auch für Probleme in Österreich und der Schweiz sorgt.

Trainiert, um zu entkommen

Gegen 59 Mädchen und 13 Buben laufen in Wien seit einem guten Jahr Ermittlungen, heißt es bei der Staatsanwaltschaft Wien. An die Hintermänner kommt man nur schwer. Die leben als U-Boote und warten daheim auf die Beute. Zu finden sind sie kaum: Die Kinder sind trainiert, Verfolgern zu entkommen. Sie springen in letzter Sekunde aus U- oder Straßenbahn und beobachten die Gegend, ob ihnen jemand folgt. Selbst Observationsteams des Bundeskriminalamtes sind erfolglos.

Norbert Ceipek, Leiter der "Drehscheibe" der Stadt Wien, wo man sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und Fremde kümmert, sieht darin das Hauptproblem. "Wenn man an die Hintermänner kommt, kommt man auch an die Kinder", ist er überzeugt. "Wenn sie keine Wohnung mehr haben, in die sie zurückkehren können, fällt die Fluchtgefahr weg und wir können mit den Kindern arbeiten."

Insgesamt hält er die Situation für unbefriedigend. "Es ist ein grausames Spiel mit den Kindern." Man solle so schnell wie möglich die Kräfte bündeln – er wünscht sich eine Arbeitsgruppe aus Jugendamt, Polizei, Staatsanwaltschaft und Amtsärzten. Letztere deshalb, da die seiner Meinung nach zu oft leichtfertig ein Alter unter 14 Jahren und damit Strafunmündigkeit attestieren.

Mindestumsatz 300 Euro täglich

Der "Mindestumsatz", den die Kinder seines Wissens nach täglich erwirtschaften müssen, liegt laut Ceipeks bei 300 Euro. Was durchaus stimmen kann. Ein Verteidiger im Wiener Straflandesgericht erinnert sich an einen Fall, wo in abgehörten Telefongesprächen zu hören war, wie ein Vater einem jungen Mädchen, dass sich 450 Euro erbettelt hatte, verbot heimzukommen, da sie 500 Euro erreichen musste.

Drehscheiben-Leiter Ceipek sieht noch ein anderes Problem: Die ethnische Zugehörigkeit. "Weil sie Roma sind, wagt es niemand, die Situation zu thematisieren. Die Banden schlagen in die Kerbe zwischen Gutmenschen und Hardlinern."

Doch selbst wenn es gelingt, an die Hintermänner zu kommen: Was macht man dann mit den Kindern und Jugendlichen?Wie kann man ihnen noch eine Chance bieten?

Problem Staatsangehörigkeit

Ceipek zweifelt, dass bosnische Behörden sich zuständig fühlen würden – denn die Staatsangehörigkeit ist oft unklar. In Sarajevo gäbe es zwar ein Krisenzentrum, aber während die rumänische und bulgarische Botschaft rasch Notpässe ausstellen, funktioniert das mit Bosnien nicht.

Die Wiener Jugendrichterin Beate Matschnig dagegen sieht die "einzige Möglichkeit in Wohngemeinschaften nach österreichischem Vorbild" in den Heimatländern. In Bulgarien funktioniere das sehr gut, dort würden sie vor ihren Familien abgeschirmt. Denen sei es auch gleichgültig, wenn jemand verurteilt würde: "Der Einzelne zählt nichts." (Michael Möseneder, DER STANDARD, 15.02.2014)

  • Seit einem Jahr laufen in Wien Ermittlungen gegen minderjährige oder strafunmündige Taschendiebe.
    foto: dpa/achim scheidemann

    Seit einem Jahr laufen in Wien Ermittlungen gegen minderjährige oder strafunmündige Taschendiebe.

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