Russland bearbeitet die USA

14. Februar 2014, 15:21
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Viel Vorgeplänkel und ein Heimteam, das einige Rechnungen offen hat - US-Boys zum Auftakt souverän, Gastgeber Russland nicht

Sotschi - Der Kracher Russland gegen die USA ist das Vorrunden-Highlight des Eishockey-Turniers bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi. Auf dem Weg zum ersehnten Gold hat die "Sbornaja" am Samstag (13.30 Uhr MEZ) gegen die Amerikaner noch etwas gutzumachen.

Gleich zwei historische Pleiten gegen den einstigen politischen Erzfeind wollen Alexander Owetschkin und Co. bei den Heim-Winterspielen ausmerzen: Das Debakel beim "Miracle on Ice" gegen die US-Amateure 1980 und die peinliche 3:8-Packung vor einem Jahr bei der WM in Helsinki. "Wir sind in einem Land aufgewachsen, in dem Eishockey wie eine Religion war", mahnte Olympia-Organisator Dmitri Tschernyschenko am Freitag.

Das Vorgeplänkel auf das Topspiel im seit langem ausverkauften "Boschoi"-Dom begann in Russland schon vor einigen Monaten - mit verwegenen Verschwörungstheorien rund um diverse Vorkommnisse in Nordamerika.

Verschwörungstheorien

Ende Oktober wurde der russische Auswahl-Torhüter Semjon Warlamow in Denver festgenommen, weil er seine Freundin Jewgenija in der gemeinsamen Wohnung angegriffen haben soll. Am 23. November erlitt "Sbornaja"-Kapitän Pawel Dazjuk im Spiel seiner Detroit Red Wings eine Gehirnerschütterung. Russische Medien und Politiker sprachen von einem "Komplott" vor Olympia, der kremlnahe Sender Golos Rossii (Stimme Russlands) meinte: "Das ist ein Versuch, Spieler auszuschalten und unser Team zu schwächen."

Die Sorgen des russischen Trainers Sinetula Biljaletdinow dürften sich nach dem glanzlosen 5:2-Auftakterfolg seiner Weltstars gegen die Underdogs aus Slowenien längst um konkretere Dinge drehen. "Wir werden noch viel ändern", kündigte der frustrierte Coach an. Auch Stürmer Dazjuk mahnte nach dem Arbeitssieg: "Wir müssen unsere Lehren ziehen und Fehler abstellen, mehr schießen, selbstbewusster und einfacher spielen." Die Nervosität war den Kufencracks, von denen Präsident Wladimir Putin nur Gold erwartet, deutlich anzumerken.

No Pressure

Ganz locker traten derweil die US-Boys auf: Die junge Truppe wirbelte sich gegen die Slowakei zu einem 7:1, von Jetlag und Problemen mit der großen Eisfläche war keine Spur. Dass der Druck am Samstag auf den Russen liegt, kommt den Amerikanern gelegen. "Es ist deren Heimatland, alles dreht sich um sie", meinte Stürmer David Backes.

Dabei hatte es Verbandschef Wladislaw Tretjak bereits mit subtilen Psychospielchen probiert. Auf der spektalukären Pressekonferenz zum Turnierauftakt vor Hunderten Journalisten blickte die Torhüter-Legende zunächst demütig auf 1980 zurück. "Die Amerikaner haben uns eine Lektion erteilt", sagte der frühere Weltklasseskeeper, der beim 3:4 in Lake Placid nicht nur die größte Niederlage seiner Karriere erlebte, sondern gegen Amerikas Jungspunde sogar ausgewechselt wurde. Dann aber schob der Putin-Freund hinterher: "Das war ein Wunder - dadurch wurde es aber erst möglich, dass sich Eishockey in den USA so rasant entwickelt. Heute spielen sie quasi sowjetisches Eishockey."

Für die Amerikaner ist Lake Placid weit weg. Keiner der 25 Profis, die für das erste US-Olympia-Gold seit damals sorgen sollen, war im Februar 1980 schon auf der Welt. "Wir wollen hier unser eigenes Kapitel schreiben", betonte Backes. Selbst Verteidiger Ryan Suter hat für den Coup vor 34 Jahren wenig übrig - dabei war sein Vater Bob einer der Heroen von Lake Placid. "Mein Dad hat nicht so viel darüber geredet. Ich habe mehr von Freunden und Lehrern erfahren", sagte er. (APA, 14.2.2014)

  • Das russische Elefantengedächtnis lechzt nach historischer Revanche
    foto: reuters

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