Immer gut bewaffnet

14. Februar 2014, 14:25
posten

Fast 100 Jahre lang wurden Waffenräder in Steyr und Graz hergestellt. Eine runde Angelegenheit sind sie für Sammler noch heute

Gefahr ist sein Name. Zu Verletzungen führen kann der Gebrauch des Gefährts durchaus, von dem hier die Rede ist. Zum Beispiel, wenn man es sich als achtjähriger Bub unerlaubterweise ausleiht, zu klein ist, um auf dem Sattel zu sitzen, dann noch die Kette reißt und man in einen Straßengraben katapultiert wird.

Thomas Bernhard hat es in seiner Autobiografie Ein Kind literarisch verewigt: das Waffenrad. Doch anders, als der Name vermuten lässt, ist es weder mit einem Geschütz versehen, noch dazu erfunden worden, Schießgeräte in eine Schlacht zu rollen. Das erhaben und gemütlich dahinfahrende Rad verdankt seinen Namen unerwartet friedlichen Zeiten: Weil in den 1890er-Jahren der Absatz an Waffen rückläufig war, sattelte die Österreichische Waffenfabriks-Gesellschaft in Steyr (ab 1926 Steyr-Werke) einen Teil ihrer Maschinen für die gerade in Mode gekommenen Zweiräder um.

En vogue sind Waffenräder noch immer, jedenfalls in einer erfahrenen Runde von 50 Sammlern in Österreich, wie Experte Manfred Dittler schätzt. Sein Haus in Wien-Meidling ist vollgestopft mit Gabeln, Kettenblättern, Lenkern, Schutzblechen, Schrauben von alten Rädern vieler Marken. Nach und nach hat sich der Maschinentechniker vertieft in die fahrbare Materie und richtet auf Kundenwunsch zweirädrige Rostlauben zu rassigen Radlschönheiten her.

Kurzer Blick

Woran man ein Waffenrad erkennt? Ganz einfach, sagt Dittler, es steht drauf. Bei alten Modellen wurde der Name noch in den Rahmen geätzt. Dem Kenner genügt oft ein kurzer Blick, um die Modelle ihrer Zeit zuzuordnen. Bis 1914 wurden zum Beispiel die Räder mit Vollscheiben-Kettenblättern ausgestattet und teilweise mit Jugendstilornamenten verziert. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzte diesem Luxus ein Ende. Bis zu dieser Zeit produzierte Velos aus Steyr zählen unter Sammlern zu den gesuchtesten, weiß Dittler.

Aufschlussreich für die zeitliche Festlegung ist auch die sogenannte Steuerkopfplakette. Anfangs ein ovales, oben und unten spitz zulaufendes Schild mit schräg angebrachtem Wortlaut "Waffenfabrik Steyr" und Abbildungen diversen Kriegsmaterials, prangt ab 1900 der "Schmied" darauf. Ab 1919 trägt sie ein Zielscheiben-Emblem mit der Aufschrift Steyr.

Oder da ist die lustig anmutende Sache mit der Feststellschraube. Mit einer solchen konnte bei einigen Modellen um das Jahr 1930 herum die Achse fixiert werden, damit das statisch labile Rad beim Anlehnen an die Wand nicht umkippt, erzählt Dittler. Eine Idee, die aus Sicherheitsgründen wieder fallen gelassen wurde. Denn wer versehentlich die Schraube nicht zurückstellte, konnte nur noch geradeaus fahren.

Nur für Reiche

Es ist eine wahrhaft bewegte Geschichte, die Produktion der Waffenräder. Von 1894 bis Mitte 1925 wurden in Steyr rund 350.000 Stück von ihnen hergestellt. Anfangs konnten sich nur Aristokraten und wohlhabende Bürger das solide gebaute Rad leisten. Der Preis des billigsten Modells entsprach dem halben Jahreseinkommens eines durchschnittlich verdienenden Arbeiters.

1926 wurde der Firmenname in Steyr-Werke-AG geändert, 1935 mit den Austro-Daimler-Puch-Werken fusioniert und die Herstellung nach Graz verlagert. Zu Beginn des der Fitness und Umwelt geschuldeten Fahrradbooms verkaufte Steyr Daimler Puch 1985 die Radsparte an die italienische Piaggio, die die Waffenradfertigung 1997 schließlich einstellte.

Da viele der ob ihrer Robustheit als verlässlich geltenden Velos angesichts flotterer und technisch ausgefeilterer Fahrräder inzwischen achtlos auf dem Sperrmüll gelandet sind, rät Sammler Dittler jenen, bei denen ein Waffenrad friedlich irgendwo herumlehnt, zum Aufheben. Denn ein Sammler sollte auch an die Zukunft denken. Die Wegwerfgesellschaft spielt ihm dabei in die Hände. Ein Radl aus den 50er-Jahren mag heute wertmäßig nicht viel hergeben. Doch wie heißt es so schön: Das Rad der Zeit dreht sich ständig weiter. Oder, wie Dittler es formuliert: "Räder sind Aktien, die man stehen lassen kann."

Kantige Angelegenheit

Für Profis gelten allerdings nach den 30er-Jahren hergestellte Waffenräder nicht als sammelwürdig. Zu den "Bluechips" gehören die bis 1896 in Lizenz gebauten Modelle der englischen Swift Cycle Company unter dem Namen Swift oder klappbare Waffenräder, wie sie um 1910 gebaut wurden.

Auch wenn das Rad rund ist - den Wert eines Waffenrads zu bestimmen ist eine kantige Angelegenheit, abhängig vom Zustand und der Frage, ob alles daran wirklich noch Orginalteile sind. Waffenräder sind Projekte, die des Sach- und Fachverstands bedürfen. Sonst bleibt sein Besitzer nicht nur auf einem Patschen sitzen. (Karin Tzschentke, DER STANDARD, 25.4.2013)

Walter Ulreich, "Das Steyr-Waffenrad", Weishaupt-Verlag, 1995, waffenrad.at, radmuseum.at

  • Im österreichischen Dialekt heißt es die Lippen zu einem o zu schürzen, um ihren Namen richtig auszusprechen: Woffnradl. Eine runde Angelegenheit sind sie für Sammler jedenfalls, wenn auf ihrer Steuerkopfplakette "Waffenfabrik Steyr" steht.
    foto: waffenrad.at

    Im österreichischen Dialekt heißt es die Lippen zu einem o zu schürzen, um ihren Namen richtig auszusprechen: Woffnradl. Eine runde Angelegenheit sind sie für Sammler jedenfalls, wenn auf ihrer Steuerkopfplakette "Waffenfabrik Steyr" steht.

Share if you care.