Aus dem Leben eines Kriminalpsychologen

17. Februar 2014, 13:47
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Thomas Müller war Gast bei Siemens in Wien: Wie er wurde, was er ist, und wie Chefs Kriminalität am Arbeitsplatz verhindern können

Wer noch nie darüber nachgedacht hat, jemanden umzubringen, der sei ihm "suspekt ", sagt der prominente Kriminalpsychologe Thomas Müller. In der Siemens Academy of Life stand er Rede und Antwort. Vom Polizisten am Hauptbahnhof Innsbruck zum international gefragten Profiler und Buchautor: Thomas Müller - am Mittwoch zu Gast bei der Siemens Academy of Life in Wien, befragt von der erkälteten Barbara Rett.

Mit starker medialer Multiplikatorenwirkung befragt zu werden, ist er gewohnt. Thomas Müller hat sich dafür auch einen recht unverwechselbaren Habitus angewöhnt: mittelstarkes Tirolerisch, das natürlich besonders mitten in Wien bei Siemens sympathisch auffällt; dazu die immer fest zusammengekniffenen Augen mit dem Signal intensiver Innenschau, wenn er Fragen zuhört - oder sie so zu Recht umformuliert, dass er für sich zufriedenstellende Antworten geben kann. Plus: wechselnde Portionen von Humor, die alles transportabler machen.

Er zitiert von Sokrates bis Schiller, und wenn es ihm zu artifiziell wird, dann beruft er sich auf seine zentrale Erkenntnis: Die Gesetze des Lebens lägen eben auf den Straßen, nicht in den Büchern.

Der Vater wollte eigentlich, dass der 1964 Geborene Mediziner wird. Das hat er auch kurz studiert, war aber nicht das, was er wollte: sich in Beziehungen, sich in Verhalten zu vertiefen. Also wurde er zunächst Polizist und beobachtete am Innsbrucker Hauptbahnhof als solcher Menschen. "Lachende, Weinende, Prostituierte", wie er sagt. Dass er dann recht schnell - mit einem Psychologiestudium und in der Folge vielen Weiterbildungen, unter anderem beim FBI - zu einem großen Namen in der Kriminalpsychologie wurde, erklärt er mit zwei Umständen: erstens mit günstigen Bedingungen und zweitens mit Mentoren, mit Menschen, die an sein Anliegen geglaubt haben.

Geschuldet sei dies, sagt er auf mehrere Nachfragen nach seinen besonderen Triebfedern, vor allem der Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln. Dazu gehöre auch, Entscheidungen mutig zu treffen, das heißt: nicht immer bloß die Sicherheit als Basis zu nehmen, eben auch das Risiko einzugehen.

Bloß nicht jeden Tag dasselbe zu tun erscheint dabei fast als notorisches Handeln, dass er kein Freund der Routine ist, bekennt er klar.

Wie diszipliniert er ist, erhellt sich beim Blick in seinen Tagesablauf: Winters steht er um 4.00 Uhr auf, sommers um 3.00. Dann analysiert er Fälle, dann lässt er alles setzen, geht in die Natur, beobachtet auch dort wieder. Dort allerdings das für ihn wunderbare Erwachen. Er erneuert sich jeden Tag.

Tja, sagt er. Mut mache angreifbar, bringe aber weiter. Und das wolle er. Dass die Frage nach seiner Berühmtheit mit Bescheidenheitsplädoyers beantwortet wird, ist professionell, aber auch glaubwürdig. Wieder ist er natürlich, zieht sich die heruntergerutschten Socken rauf, bringt die Hosenbeine in Ordnung. Das rund 400-köpfige Auditorium goutiert es.

Solcherart braucht er auch gar keine simplen Tipps zu geben, wie gesamthafter Lebenserfolg gelingen könne. Er agiert es ja vor. Vermeidet Managementsprech und nennt als zentrales Element für Erfolg den Hausverstand.

Für ihn persönlich bedeutet Balance offenbar Diversifizierung - verschiedenste Dinge tun -, einschlafen will er nicht. Bloß keine Routine.

Seit 2005 gehört er nur mehr zu 50 Prozent dem Innenministerium (er baute die Kriminalpsychologie dort auf), den Rest der Zeit nimmt er "spannende" Fälle an. Besonderes Steckenpferd ist ihm die Kriminalität in der Arbeitswelt. Workplace-Violence, darüber hat er auch publiziert. Mit Erlebnissen, die ihn gelehrt haben, wie qualvoll berufliche Entleerung ist. Deswegen mag er auch nicht über "Erfolgserlebnisse" reden (Barbara Rett glückt es nicht, ihn dazu zu bewegen), er spricht lieber von "Erfahrungserlebnissen". Es gehe ja in seinem Geschäft auch nicht um emotionale Annäherung, da mache man garantiert Fehler, sondern um das Lernen aus Verhalten - messbar mittels Vergleich.

Eine Lektion für Chefs hat er wohl: die Leute fragen, wie es ihnen geht. Und die Antworten auch hören. (DER STANDARD, 15./16.02.2014, Karin Bauer)

  • Kriminalität am Arbeitsplatz entsteht nicht plötzlich, sondern schleichend, als Resultat vieler empfundener Demütigungen. Barbara Rett befragt den Kriminalpsychologen Thomas Müller im Hause Siemens in Wien.
 
    foto: regine hendrich

    Kriminalität am Arbeitsplatz entsteht nicht plötzlich, sondern schleichend, als Resultat vieler empfundener Demütigungen. Barbara Rett befragt den Kriminalpsychologen Thomas Müller im Hause Siemens in Wien.

     

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