Am Anfang war das Ei

14. Februar 2014, 17:24
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Carl Fabergés Pretiosen sind heißbegehrt. Dem Inbegriff luxuriöser Handwerkskunst widmet das KHM eine umfassende Ausstellung

Der Überlieferung nach muss der Ostermorgen im Zarenpalast ein beeindruckendes Schauspiel gewesen sein. Schon des Busserlmarathons wegen, den der Zar zu absolvieren hatte: je drei pro Angestelltem, das Ganze mal 1600, machte 4800 Wangenküsse insgesamt. Dazu bekam jeder ein Osterei, die einfachen Bediensteten eines aus Porzellan und die höheren Ränge mit Emaille sowie Edelstein verzierte.

Das prachtvollste Geschenk war jedoch der Zarin vorbehalten. 1885 erstmals in Form eines übergroßen goldenen, mit eierschalenfarbenem Emaille überzogenen Eis und einer Besonderheit im Inneren: In der auf goldenes Stroh gebetteten goldenen Henne verbarg sich ein mit Edelsteinen verziertes Ei sowie eine Zarenkrone aus Diamanten. Die Kreation eines gewissen Carl Fabergé begeisterte die Zarin über alle Maßen.

Kein Ei wie das andere

Fortan fertigte der russische Goldschmied bzw. seine Meister jährlich ein Ei für die Zarin, ab 1894 ein zweites für die Zarenmutter. Das neue durfte niemals dem vorangegangenen gleichen und musste dieses in künstlerischer Gestaltung und technischer Raffinesse übertreffen. Bis 1916 entstanden 50 solcher kaiserlicher Eier. Acht verschwanden im Zuge des bolschewistischen Ausverkaufs. Von den verbliebenen 42 nennt das Kreml-Museum noch zehn sein Eigen, der Rest befindet sich in verschiedenen Sammlungen, sowohl in privaten als auch in institutionellen.

Die Oktoberrevolution markierte auch das Aus für Carl Fabergés Unternehmen, das in Spitzenzeiten Jahresumsätze von 16,5 Millionen Rubel (heute rd. 180 Mio. Dollar) verzeichnete. Die Lizenzprodukte jüngeren Datums und die historischen Kreationen eint quasi nur mehr der Name. Über die ebenfalls gängigen Fauxbergés sei wiederum das Mäntelchen des Schweigens gehüllt.

Noch 100 Jahre nach Fabergés österlichem Debüt galten diese Meisterwerke als Inbegriff luxuriösester Handwerkskunst und waren fanatische Sammler bereit, dafür ein Vermögen zu verprassen. Der Magazin-Magnat Malcolm Forbes etwa, der sich über Jahre mit dem Kreml ein erbittertes Match um Osterpräsente aus dem russischen Kaiserhaus lieferte, sobald sie auf den Markt kamen. 2004 entschlossen sich seine Erben, die Kollektion, nebst einem Dutzend Eiern (davon neun Zareneiern) auch 180 erlesene Objekte aus dem Hause Fabergé, bei Sotheby's versteigern zu lassen. Allein das Krönungsei (1897) war auf bis zu 24 Millionen Dollar geschätzt worden. Doch die Auktion fand nicht statt, da der russische Milliardär Wiktor Wekselberg die komplette Sammlung für etwa 100 Millionen Dollar erwarb.

Prototyp im KHM-Bestand

Selbst Eier, die für andere Auftraggeber ausgeführt wurden, von Experten jedoch die Qualitätsstufe "imperial" attestiert bekamen, bringen Millionen: 2007 erzielte Christie's für das Rothschild-Ei (1902) beispielsweise stattliche 18,49 Millionen Dollar.

Angesichts solcher Werte ist es kein Wunder, dass der Name Fabergé hauptsächlich mit Eiern in Verbindung gebracht wird. Dabei war das Sortiment der Manufaktur weitaus umfangreicher, wie der "Alltag" auf dem internationalen Kunstmarkt zeigt, wo Objekte mit Bezug zur Zarenfamilie besonders gefragt sind und mit Brillanten besetzte Zigarettenetuis, emaillierte Vasen, Pokale, Bilderrahmen oder Juwelen regelmäßig den Besitzer wechseln: in London, in New York oder auch in Wien. Und hier können Interessierte die nächsten Wochen visuell aus dem Vollen schöpfen.

Unter dem Titel Fabergé - Der Juwelier des Zaren präsentiert das Kunsthistorische Museum (KHM) eine in Bandbreite außergewöhnliche Ausstellung (18. 2. - 18. 5.), die 160 Pretiosen aus russischem Museumsbesitz umfasst und, ja, auch vier der legendären Ostereier.

Weiters werden Beispiele der traditionellen Steinschneidekunst gezeigt, die, wie KHM-Kurator Paulus Rainer betont, auf den hauseigenen Bestand Bezug nehmen, konkret "die weltweit umfangreichste Steinschneidesammlung aus der Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts". Insgesamt dominierte der Kunstkammer-Gedanke die Auswahl der gastierenden Exponate, erklärt er und verweist auf ein ganz besonderes Artefakt in der hauseigenen Sammlung: auf den Prototyp, den Fabergé am dänischen Königshof gesichtet und der ihn inspiriert haben dürfte. Eine ähnliche Version dieses von einem französischen oder deutschen Goldschmied gefertigten Ur-Eis gelangte nämlich im 18. Jahrhundert in die kaiserliche Schatzkammer in Wien. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 15./16.2.2014)

  • Das legendäre Krönungsei (1897) haben Experten auf bis zu 24 Millionen Dollar taxiert, es ist im Besitz eines russischen Milliardärs.
    foto: sotheby's

    Das legendäre Krönungsei (1897) haben Experten auf bis zu 24 Millionen Dollar taxiert, es ist im Besitz eines russischen Milliardärs.

  • Osterei mit einem Miniaturmodell des Kreuzers "Pamjat Asowa" (1891), der auf einem Aquamarin-Meer schwimmt.
    foto: khm

    Osterei mit einem Miniaturmodell des Kreuzers "Pamjat Asowa" (1891), der auf einem Aquamarin-Meer schwimmt.

  • Versteckt in Polsterbezügen überdauerten diese Manschettenknöpfe (versteigert für rund 114.000 Euro) aus dem Besitz der Zarenfamilie die Kriegswirren.
    foto: sotheby’s

    Versteckt in Polsterbezügen überdauerten diese Manschettenknöpfe (versteigert für rund 114.000 Euro) aus dem Besitz der Zarenfamilie die Kriegswirren.

  • Dieser prachtvolle, um 1900 blau emaillierte Bilderrahmen verkaufte sich im Dorotheum 2012 für bis zu 18.600 Euro.
    foto: dorotheum

    Dieser prachtvolle, um 1900 blau emaillierte Bilderrahmen verkaufte sich im Dorotheum 2012 für bis zu 18.600 Euro.

  • Aus Perlen und Diamanten gefertigte Maiglöckchen und Familienporträts zieren die Ostergabe Nikolaus' II. an seine Frau Alexandra 1898.
    foto: sotheby's

    Aus Perlen und Diamanten gefertigte Maiglöckchen und Familienporträts zieren die Ostergabe Nikolaus' II. an seine Frau Alexandra 1898.

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