Verirrungen und Verwirrungen in der Liebe

14. Februar 2014, 19:39
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Ann Cotten balanciert in ihrem Erzählband "Der schaudernde Fächer" zwischen Leben und Kunst

Gleich in der ersten Erzählung Die gelangweilte Combo oder Wie man gut schreibt fächert Ann Cotten ihre poetologischen Prämissen auf, denn sie nimmt sich viel vor. Über nichts Geringeres als die Liebe schreibt sie in den siebzehn Erzählungen des Bandes Der schaudernde Fächer, lässt sich auf immer neue (Sprach-)Abenteuer ein. Es gelingt ihr auf höchst brillante und mutige Weise, diese Abenteuer zu bestehen.

Unterstützt wird sie dabei von ihren zwei "liebsten Vorbildern" im Hintergrund, zwei Antipoden höchster literarischer Kunst: Robert Musil und Heimito von Doderer. Der eine voller "Jungmännereigensinn" und mit einer Vorliebe für den Doppel- und Nebensinn von Worten, für das Gleichnis als Lebens- und Schreibform und den philosophisch grundierten Essay. Der andere voll "weiblichen Humors" und mit einer Vorliebe für Bilder, die schwingen "wie die riesigen Brüste einer drallen Frau, die weiß, dass Lust das Wichtigste im Leben ist".

Wie Ann Cotten diese beiden Schreibmodelle mixt und fortschreibt in wacher Zeitgenossenschaft, auch wenn es einmal heißt "Schreiben heißt Wegschauen", das ergibt den so unverwechselbaren und eigenwilligen Cotten-Sound mit einer Lust an wilden Satzkapriolen, schiefen Vergleichen und Bildern. Schon die Überschrift des Klappentexts fordert auf: "Cherchez la panne!" Und trotzig bekennt die Ich-Erzählerin über die gewagt prätentiöse Beschreibung eines Liebespaars: "Ich kann übrigens Vergleiche machen, wie ich will."

Für diese widerständige und verstörende Sprachkunst, die schon ihre Fremdwörterbuchsonette (2007) und das Buch Florida-Räume (2010) auszeichnete, wurde der 1982 in Iowa geborenen Autorin, die 1987 nach Wien übersiedelte und seit 2006 in Berlin lebt, der Adelbert-von-Chamisso-Preis und der Wilhelm-Lehmann-Literaturpreis zuerkannt.

Inspirierend für die Praxis des Schreibens ist für Cotten der "dösende Blick" einer Combo, die Kurt-Weill-Lieder spielt, während man noch im Bett liegt, eine gewisse Langeweile, ein Umherschweifen, ein somnambuler Schwebezustand: "Aber sobald die obere Hälfte der Augenlider zugeht, fängt gefährliches Chaos an, Liebhaber aus Liebe, Liebhaber aus Common Sense geraten sich in die Haare, verheddern sich in den Telefonkabeln, versinken dann im Watt, in eine Unterwelt hinein, die wieder die obere Hälfte des Gesichtsfelds einnimmt, und ein riesiger Sog wie von einer Laubsaugmaschine entsteht zusammen mit dem Eindruck, die eigene Seele sei nicht größer oder schwerer als ein einziges Laubblatt (...)."

Die Ich-Erzählerin reflektiert selbstironisch die Schwierigkeiten des Liebens und Begehrens, die Verirrungen der Liebe, aber auch des Geliebtwerdens, das man nicht erwidern kann. Möglicherweise - so vermutet sie selbst - klappt es mit der Liebe, die sie gleichermaßen ersehnt wie flieht, wegen ihrer "indulgierten Idiosynkrasien" nicht, und sie bekennt, dass es vorkommen kann, "dass ich mein eigenes Leben indolent betrachte wie durch einen Schirm von Wasser".

Radikale Selbstbeobachtung kann ein Akt des ästhetischen Widerstands sein, birgt aber auch die Gefahr der Selbstbezogenheit in sich. Nicht nur im Dialog zwischen zwei Schriftstellerinnen Im Grünen Pfau geht es um die Frage: "Wie können wir durch die Kraft der Kunst eine deprimierende Liebesaffäre in eine vergnügliche verwandeln?" oder abstrakter formuliert: Wie kann man zwischen Leben und Kunst balancieren?

Die Erzählerin nützt die Möglichkeiten der Literatur: Sie erfindet sich den jungen und schönen Prätz, den jungen Fritz, den sie allerdings auch versetzen kann, weil sie sich mit den beiden Frauen Gazelle und Virgin vergnügt, während sie ein anderes Mal auf einer Busreise die Liebkosungen von Krassa abwehrt und in einer anderen Nacht mit verschiedenen Begleitern durch die Bars von Nagoya zieht. Es wird viel gevögelt in den Erzählungen, es lieben sich Frauen und Männer, Männer und Männer, Frauen und Frauen, zu zweit, zu dritt, ja bisweilen sind die Geschlechter nicht festgelegt, eben "queer". Doch dass das die Liebe nicht einfacher macht, davon erzählt auf berührende Weise die Geschichte Birkenhäuschen, in der von der Verwandlung Vasjas in den Halbmann Vasyl erzählt wird und die wie viele Erzählungen des Bandes mit einem Gedicht endet, das so beginnt: "Frauen gibt es nicht, Männer gibt es, / seit ich einer bin, auch nicht."

Grenzüberschreitungen und Entgrenzungen kennzeichnen in vielfacher Weise die Texte Ann Cottens. In den Erzählungen wechseln die Zeit- und Raumebenen zwischen Berlin, der Ukraine, der algerischen Wüste und Japan - ein Land und eine Kultur, dessen Künstlichkeit, Traditionsbezogenheit und Fremdheit Ann Cotten faszinieren, worauf ja auch der Titel des Bandes in all seiner Vieldeutigkeit anspielt.

Das Buch Der schaudernde Fächer beweist nachdrücklich, dass Literatur eine Erkenntnismöglichkeit sein kann. "Literatur dient nicht zur Unterhaltung", heißt es programmatisch im Geduldigen Manifest (2007) von Ann Cotten, aber "sie darf dazu verwendet werden", zumal wenn die Verfasserin eine ebenso kühne wie bezaubernde Sprachakrobatin ist. (Christa Gürtler, Album, DER STANDARD, 15./16.2.2014)

Ann Cotten, "Der schaudernde Fächer. Erzählungen". € 22,60 / 254 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2013

  • "Ich kann übrigens Vergleiche machen, wie ich will": Ann Cotten bleibt ihrem eigenwilligen Sound auch im neuen Erzählband treu.
    foto: bücherwürmer lana

    "Ich kann übrigens Vergleiche machen, wie ich will": Ann Cotten bleibt ihrem eigenwilligen Sound auch im neuen Erzählband treu.

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