Die Crux mit der Dequalifizierung

20. Februar 2014, 12:39
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Scheuklappen ablegen, Berührungsängste abbauen, in interkulturelles Management investieren: Unternehmen haben Hausaufgaben. Migranten sollten die "business attitudes " kennen.

Nach Österreich kommen immer mehr höherqualifizierte Zuwanderer, die Zahl der Migranten, die maximal einen Pflichtschulabschluss aufweisen können, nimmt kontinuierlich ab. Trotzdem belegen Studien, dass Zuwanderer - knapp jeder fünfte Beschäftigte in Österreich hat einen Migrationshintergrund - immer noch häufig Jobs unter ihrer Qualifikation annehmen. Dieses Problem der Dequalifizierung trifft nicht nur die Migranten selbst. Wo in Zeiten eines massiver werdenden Arbeitskräftemangels Qualifikationen brachliegen, werden wertvolle Ressourcen für die österreichische Wirtschaft vergeudet.

Neben der Politik, die den Zugang zum Arbeitsmarkt sowie die Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse regeln und erleichtern muss, liegt es auch an den direkt Betroffenen, ihre individuelle Situation zu verbessern.

Ängste abbauen

Auch Unternehmen und Recruiter müssen sich auf neue Denkweisen und andere Kulturen, sprich auf ein globales Denken einlassen, Scheuklappen ablegen und Berührungsängste abbauen, in interkulturelles Management investieren. Freilich gibt es einiges, das nur die Zuwanderer selbst in der Hand haben: zuallererst die Sprachkenntnisse. Untersuchungen zeigen, dass Selbst- und Fremdwahrnehmung in diesem Bereich auseinanderklaffen. Während die meisten Migranten ihre Deutschkenntnisse für die Ausübung ihres Berufs als ausreichend empfinden, bleiben Unternehmen oft skeptisch und fürchten Verständnis- und Interpretationsprobleme. Und weil praktisch nur die Deutschkenntnisse thematisiert werden, finden ihre weiteren sprachlichen Kompetenzen wenig Beachtung.

Info-Defizite

Bei vielen Zuwanderern geht ihr höheres Bildungsniveau nicht zwangsläufig mit einer ausreichenden Informationssituation einher. Noch bevor Bewerbungen an etwaigen Sprachbarrieren scheitern könnten, haben zuvor schon die schriftlichen Bewerbungsunterlagen für ein vorzeitiges Aus gesorgt. Denn Zuwanderer sind oft nicht vertraut mit der Erwartungshaltung österreichischer Recruiter: Sie kommen dann den formalen Anforderungen an einen Lebenslauf nicht nach.

Sie bedenken nicht, dass ein Recruiter hierzulande mehr Informationen, oft nur einen Weblink oder wenige Zeilen zur Erfahrung in einem ausländischen Unternehmen, braucht, um den dort geleisteten Job einschätzen und bewerten zu können. Migranten sollten sich daher bewusst mit den österreichischen Recruitingstandards auseinandersetzen. Wenn es finanziell machbar ist, am besten mit einem individuellen Coaching. In jedem Fall geht es um die Kenntnis der landesüblichen "business attitudes". Und: So ehrbar es ist, jede Arbeit anzunehmen, um sein eigenes Geld zu verdienen - je weniger adäquat der Job ist, desto schwieriger wird der berufliche Aufstieg. Zuwanderer mit guter Qualifikation sollten realistisch, aber durchaus selbstbewusst auf Jobsuche gehen. Sofern die Deutschkenntnisse passen. (Manuela Lindlbauer, DER STANDARD, 15.2.2014)

Manuela Lindlbauer ist Gründerin und Geschäftsführerin der Lindlpower Personalmanagement GmbH und der LP Experts Personalmanagement GmbH mit Niederlassungen in Wien und Linz. www.lindlpower.at

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    Manuela Lindlbauer.

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