"Die Polizei ist meist in der Früh gekommen"

Interview15. Februar 2014, 17:00
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15 Jahre, Türke, Wiener: Jungschauspieler Abdulkadir Tuncer und seine Mutter Bediha über falschen Starrummel, drohende Abschiebung und gröbere Sprachprobleme

STANDARD: Sie spielen die Hauptrolle im Film "Deine Schönheit ist nichts wert", der gerade den österreichischen Filmpreis unter anderem in der Kategorie bester Film gewonnen hat. In der Türkei wurden Sie zum besten Hauptdarsteller gekürt. Sie sind mit 15 Jahren ...

Abdulkadir Tuncer: Du, bitte!

STANDARD: Okay ... schon Filmstar.

Abdulkadir Tuncer: Eh. Aber deshalb bin ich noch lange kein Star. Ich mag solche Angebereien nicht. Schulkollegen und Freunde sagen, dass ich ein Filmstar geworden bin. Aber das ist nicht so, wie man denkt. Das Verhältnis zu meinen Freunden ist wie immer.

Bediha Tuncer: (Abdulkadir übersetzt für seine Mutter, Anm.) Mein Sohn ist völlig gleich geblieben.

STANDARD: Der Film handelt von den Problemen einer Flüchtlings­familie in Wien – und von der ersten Liebe eines Zwölfjährigen. Findest du dich da wieder?

Abdulkadir Tuncer: Eigentlich ist alles ziemlich realistisch. Ich habe viele Gemeinsamkeiten mit Veysel, dem Buben, den ich spiele. Wie ich aus den Erzählungen meiner Mutter weiß, war es ähnlich, als wir nach Österreich kamen.

STANDARD: Wann sind Sie nach Österreich gekommen?

Bediha Tuncer: Das war vor zwölf Jahren. Wir kommen aus Konya, einer Stadt in der Nähe von Ankara. Die Familie von meinem damaligen Mann hat in Österreich gelebt, und wir sind nachgekommen.

STANDARD: War das schwierig?

Bediha Tuncer: Leider hat uns die Familie meines Mannes nicht so geholfen, wie wir erwartet haben. Dann kam auch die Scheidung – und wir mussten unseren eigenen Weg suchen. Als wir herkamen, war Abdulkadir auch erst drei Jahre alt.

Abdulkadir Tuncer: Meine große Schwester hat noch bei den Großeltern in der Türkei gelebt, sie ist erst seit zwei Jahren hier.

Bediha Tuncer: Die anderen beiden, mein Sohn Muhammed und meine Tochter Nazey, sind in Österreich zur Welt gekommen.

STANDARD: Gefällt es Ihnen hier?

Bediha Tuncer: Schon. Hier kann man leben, der Staat schaut auf einen. Ich war schon vorher einige Zeit in Österreich. Daher habe ich ein bisschen gewusst, wie es sein wird. Aber dann war eben doch alles anders als geplant. Damals habe ich um Asyl angesucht und habe mein Geld als Putzfrau verdient. Jetzt arbeite ich in Wien bei einer Reinigungsfirma.

STANDARD: Mehrfach sollten Sie und Ihre Kinder abgeschoben werden, die Polizei stand schon in Ihrer Wohnung. Wie war das?

Abdulkadir Tuncer: Die Polizei ist meist in der Früh gekommen – fast zum Frühstück könnte man sagen.

Bediha Tuncer: Ja, vielleicht.

Abdulkadir Tuncer: Sie haben die
ganze Wohnung durchsucht.

Bediha Tuncer: Sie haben geschaut, wie wir leben, was wir besitzen. Vor allem für meine zwei Jüngsten war das nicht schön. Da stapfen fremde Männer durch die Wohnung, das ist nichts Normales. Es war sehr unangenehm.

STANDARD: Warum sprechen Sie so schlecht Deutsch?

Bediha Tuncer: Ich habe es wieder verlernt. Ich arbeite ständig.

Abdulkadir Tuncer: Meine Mutter konnte ganz gut Deutsch. Sie war ja auch in einem Kurs. Aber als
Alleinerzieherin und neben der Arbeit, das geht sich nicht aus.

STANDARD: Wie schwer ist es, in einem Land zu leben, mit dessen Sprache man sich schwertut?

Bediha Tuncer: Es ist sehr hart. Ich verstehe Fragen oft nicht, und ich kann nicht einfach antworten. Meist brauche ich jemanden, der übersetzt.

STANDARD: Wie ist es für Sie, auf Ämter gehen zu müssen?

Bediha Tuncer: Man will sich wie ein Teil des Landes fühlen, nur das Land sieht dich nicht so. Es wird dir gezeigt, dass du ein Ausländer bist. Es ist auch schwer, jedes Jahr ein Visum zu kaufen.

STANDARD: Ihren Asylantrag haben Sie zurückgezogen.

Bediha Tuncer: Ja, das brachte nichts. Jetzt haben wir ein Visum. Ich darf fast alles machen, wie ein Staatsbürger, nur wählen darf ich nicht. Das Visum gilt für ein Jahr.

Abdulkadir Tuncer: Ja, dann müssen wir wieder ansuchen.

Bediha Tuncer: Das kostet ungefähr 800 Euro für uns alle pro Jahr – und wir haben kein Recht auf eine Gemeindewohnung.

STANDARD: Ist das Kapitel Türkei abgeschlossen?

Bediha Tuncer: Hier ist es für uns besser. Meine ganze Familie lebt in der Türkei, in Deutschland oder in der Schweiz. Hier lebt keiner, dennoch haben wir uns auch an diese Stadt sehr gewöhnt.

Abdulkadir Tuncer: Wenn wir unten sind, möchte ich die ganze Zeit wieder zurück nach Wien. Das ist nichts für mich. Wir haben auch unsere Freunde hier.

STANDARD: Seit dem Film haben Sie eine größere Wohnung. Zuvor haben Sie zu viert auf 39 Quadratmetern in Simmering gewohnt.

Bediha Tuncer: Ja, wir sind seit ein paar Monaten hier.

Abdulkadir Tuncer: Jetzt habe ich sogar ein großes Zimmer.

STANDARD: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Abdulkadir Tuncer: Ich würde gerne mit der Schauspielerei weitermachen. Die Schauspielschule geht allerdings erst, wenn ich 18 Jahre alt bin.

STANDARD: Ein neuer Film in Sicht?

Abdulkadir Tuncer: Derzeit nicht.

STANDARD: Und wenn es mit der Schauspielerei nicht klappt?

Abdulkadir Tuncer: Da bin ich planlos. Jetzt mache ich die Handelsschule fertig.

Bediha Tuncer: Ich dachte ja nie daran, dass er in Filmen mitspielen wird. Aber ein Talent hat er sicher dafür. Beim Casting habe ich das dann auch gesehen.

STANDARD: Du wurdest aus zig Kindern ausgewählt. Warum bist du überhaupt zum Casting gegangen?

Abdulkadir Tuncer: Das Casting-Team ist in meine damalige Schule gekommen. Da dachte ich noch, da gehe ich nicht hin. Mein Freund hat mich gebeten, mitzukommen. Da habe ich mich dann auch beworben. Und sie haben mich ausgewählt.

STANDARD: Und der Freund?

Abdulkadir Tuncer: Der bekam keine Rolle. Aber er ist nicht böse.

STANDARD: Wenn du einen Tag Politiker sein könntest: Was würdest du in Österreich ändern?

Abdulkadir Tuncer: Dass die Asyl- und Fremdengesetze nicht so streng sind. Meine Mutter hat zum Beispiel eine Zeit lang zu wenig verdient für ein Visum. Hätte sie das nicht ändern können, würden wir gar nicht mehr hier sein. (Peter Mayr, DER STANDARD, 14.2.2014)

Bediha Tuncer (43) arbeitet in einer Reinigungsfirma und zieht ihre vier Kinder alleine groß.

Abdulkadir Tuncer (15) spielte in einem "Tatort" und in den Filmen "Kuma" und "Deine Schönheit ist nichts wert" (derzeit im Wiener Votivkino zu sehen).

  • Mit einem Filmposter in der Hand - Abdulkadir Tuncer und seine Mutter Bediha: "Ich habe viele Gemeinsamkeiten mit Veysel, dem Buben, den ich spiele. Wie ich aus den Erzählungen meiner Mutter weiß, war es ähnlich, als wir nach Österreich kamen."
    foto: hendrich

    Mit einem Filmposter in der Hand - Abdulkadir Tuncer und seine Mutter Bediha: "Ich habe viele Gemeinsamkeiten mit Veysel, dem Buben, den ich spiele. Wie ich aus den Erzählungen meiner Mutter weiß, war es ähnlich, als wir nach Österreich kamen."

  • (Fast) die ganze Familie (v. li.): Muhammed Nebi (10), er will einmal Arzt werden, Nazey (8), angehende Lehrerin, Mutter Bediha (43) und Abdulkadir (15). Die ältere Schwester Kübra (19) fehlt. Sie würde gerne Pilotin werden.
    foto: hendrich

    (Fast) die ganze Familie (v. li.): Muhammed Nebi (10), er will einmal Arzt werden, Nazey (8), angehende Lehrerin, Mutter Bediha (43) und Abdulkadir (15). Die ältere Schwester Kübra (19) fehlt. Sie würde gerne Pilotin werden.

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