160 Seiten für Sarajevo

13. Februar 2014, 18:37
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Ersetzt Wälzer: Janko Ferks Roman "Der Kaiser schickt Soldaten aus"

Wien - Als Franz Joseph die Nachricht von der Ermordung des Thronfolgers überbracht werden sollte, war es bereits Nachmittag. Seine Majestät weilte auf Sommerfrische in Bad Ischl und schlief im Ohrensessel. Der Monarch geruhte, zum Zeitpunkt des Attentats 83 Jahre alt zu sein.

Franz Josephs persönlicher Ehrgeiz war stark eingegrenzt und schien darauf gerichtet, ins Jenseits hinüberdämmern zu dürfen. Über den kaiserlichen Schlummerstuhl sagt Autor Janko Ferk, dass er aus Leder und "abgewetzt" war.

Franz Ferdinand war am Vormittag des nämlichen Tages, des 28. Juni 1914, in Sarajevo einem Schussattentat zum Opfer gefallen. Sein den Fortbestand der Monarchie gefährdender Tod rief keinerlei kaiserliche Reaktion hervor. Der die Nachricht überbringende Adjutant, Eduard Graf von Paar, "zitterte am ganzen Körper".

Franz Josephs erste Frage galt der Gemahlin des Ermordeten. Als auch deren Tod bestätigt war, zeigte der Kaiser eine gewisse Genugtuung. "Der Allmächtige lässt sich nicht herausfordern", bemerkte er. Franz Ferdinand war Franz Josephs Neffe. Der Erzherzog, ein cholerischer, durch keine besonderen Talente hervorstechender Spross des Erzhauses, war unbotmäßig gewesen. Er war mit einer böhmischen Adeligen eine nicht standesgemäße Ehe eingegangen. Der Kaiser sah sich außerstande, seinem Nachfolger zu verzeihen, dem Ruf des Herzens gefolgt zu sein. Wo käme man hin, wenn das jeder täte?

Zu diesem Zeitpunkt - der Untergang Österreich-Ungarns ist beschlossene Sache - hat der Klagenfurter Jurist Janko Ferk die Katastrophe von 1914 angebahnt. Sein "Sarajevo-Roman" Der Kaiser schickt Soldaten aus setzt ungefähr dann ein, wenn die Sachbücher ihr letztes Wort gesprochen haben. Ferks Buch ist eigentlich eine Kalenderchronik. Unter ausgesuchten Tagen ("8. Oktober 1908") findet sich eine Eintragung. Wie an den Fäden eines Strippenziehers baumeln Franz Ferdinand und sein Gegenspieler, der serbisch-bosnische Attentäter Gavrilo Princip. Zwischen ihnen liegen hunderte Kilometer und tausende verschiedene Ansichten.

Nur in einem treffen sich die ungleichen Kontrahenten. Ihre intellektuelle Konstitution ist jeweils durchschnittlich. Was den beiden abgeht, ersetzen sie durch reine Willenskraft. Franz Ferdinand begehrt durch die Heirat auf. Sein cholerisches Temperament kühlt er nicht ab, sondern verwandelt es in Jagdfieber. Die Büchse des Thronfolgers verstummt bis zu seinem Tod nicht.

Einer geschätzten Viertelmillion Tiere macht der Erzherzog als passionierter Waidmann den Garaus. Jedes "abgeknallte Stinktier" (Ferk) wird akribisch vermerkt. Princip, der in die Fänge serbischer Geheimorganisationen gerät, absolviert als Schussattentäter einen Schnellsiedekurs.

Ziele eines Märtyrers

Beide sind für ihre jeweilige Aufgabe nicht besonders geeignet. Vor allem aber sind sie keine natürlichen Feinde. Franz Ferdinand möchte die Südslawen gegenüber Österreichern und Ungarn massiv aufgewertet wissen. Princip will als Märtyrer in die serbischen Annalen eingehen.

Ferk umkreist die Schlüsseltermine im Kalender der Fatalität. Franz Ferdinand besucht Sarajevo ausgerechnet an jenem Tag, an dem die Serben süßleidig ihrer katastrophalen Niederlage am Amselfeld 1389 gedenken. Der ungeduldige "Franjo Ferdinand" will niemanden vor den Kopf stoßen. Er verschwendet bloß an die Gemütslage seiner Untertanen keinen Gedanken. Ein schlankes Buch voller Empathie liefert den kurzen Entstehungsabriss zum langen Weltkrieg. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 14.2.2014)

Janko Ferk: "Der Kaiser schickt Soldaten aus". Roman, Styria Premium 2014.

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