Beschränkter Spielraum in schönstem Schwarzweiß

13. Februar 2014, 18:29
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Das Österreichische Filmmuseum stellt erstmals das Werk der japanischen Regisseurin Kinuyo Tanaka vor - Flankiert wird diese Retrospektive von einer Werkschau zu Kenji Mizoguchi

Wien - Schwenks über Tokio zeigen eine graue Trümmerstadt. Der Krieg ist in seinen Folgen noch gegenwärtig. Nicht nur Häuser stehen in Ruinen, Familien sind auseinandergerissen, dezimiert. Frauen, die jetzt alleine dastehen, sehen als letzten Ausweg, ihren Körper zu verkaufen: Auch die Witwe Fusako, ihre Schwester Natsuko und ihre Schwägerin Kumiko geraten in unterschiedlicher Weise in diese Zwangslage.

Der Film, der ihre Fallgeschichten erzählt, ist Teil der ersten Karriere der Kinuyo Tanaka und Teil ihrer vielleicht wichtigsten künstlerischen Partnerschaft mit dem Regisseur Kenji Mizoguchi. Die Schauspielerin, damals bereits über zwanzig Jahre als solche tätig, verkörpert Fusako und deren sozialen Abstieg - in allen Facetten, von der leicht unterwürfigen Haltung der arglosen Hausfrau bis zum provokant-vulgären Auftritt der Straßenprostituierten.

Frauen der Nacht (Yoru no onnatachi, 1948) ist ein harsches Nachkriegsmelodram. Üblicherweise assoziiert man den Regisseur Mizoguchi zuerst mit seinen in der japanischen Vergangenheit angesiedelten Klassikern, Adaptionen literarischer Vorlagen wie Erzählungen unter dem Regenmond (Ugetsu Monogatari, 1953) oder Das Leben der Frau Oharu ( Saikaku ichidai onna, 1952).

Tanaka spielt darin die Titelfigur. Hier bestimmen die traditionellen Kleider die Bewegungen mit. Oharu ist außerdem in den höfischen Kodex eingeschnürt. Als sie einer unstandesgemäßen Liebe nachgibt, beginnt wieder ein gesellschaftlicher Abstieg. Zu Anfang des Films ist Oharu am Ende angekommen, lässt ihr Leben Revue passieren. Mizoguchi setzt die Erinnerungen in charakteristisch langen Einstellungen, in elegant geführten Kamerabewegungen, schwarzweißer Lichtmalerei um.

Spätphase eines Vielarbeiters

Frau Oharu gehört bereits zur Spätphase von Mizoguchi. Dieser, 1898 in Tokio geboren, begann seine Karriere als Regisseur in den frühen 20er-Jahren. Er veröffentlichte bis zu seinem frühen Tod 1956 über achtzig Arbeiten. Nicht einmal die Hälfte davon ist überliefert, von den Stummfilmen ist nur eine Handvoll erhalten.

Das Österreichische Filmmuseum, welches Mizoguchi zuletzt im Winter 2000 mit einer Retrospektive würdigte, eröffnet diesmal eine Perspektive auf sein Werk, die nach der wichtigen Mitarbeiterin ausgerichtet ist: Die Schauspielerin Tanaka (1910-1977) wird in einer parallel laufenden Werkschau erstmals in Österreich auch als Regisseurin vorgestellt. 1953, nach langjähriger (und prägender) Mitwirkung in Filmen von Mizoguchi, Yasujiro Ozu, Mikio Naruse oder Hiroshi Shimizu, veröffentlichte sie ihr Debüt Koibumi (Liebesbriefe). Auch in Tanakas eigenen Arbeiten sind die Frauen zentral, allerdings werden ihre Schicksale - in zeitgenössischen oder historischen gesellschaftlichen Kontexten - noch einmal anders beleuchtet.

Tanaka blieb als Regisseurin in der extrem hierarchisch und patriarchal strukturierten japanischen Filmindustrie eine Ausnahmeerscheinung. (So viel besser wären ihre Aussichten auf Anerkennung andernorts aber auch nicht gewesen.) Auch ihr zeitweiliger Lebensgefährte Mizoguchi war gegen ihre Emanzipation als Filmschaffende eingestellt. Nichtsdestotrotz inszenierte Tanaka in neun Jahren sechs Spielfilme. Das schmale Gesamtwerk ist nun zu entdecken - ergänzt um Koko Kajiyamas halbstündige Dokumentation Die Wanderungen von Tanaka Kinuyo (2009). (Isabella Reicher, DER STANDARD, 14.2.2014)

  • Schauspielstar: Kinuyo Tanaka in Kenji Mizoguchis "Das Leben der Frau Oharu" von 1953.
    foto: österreichisches filmmuseum

    Schauspielstar: Kinuyo Tanaka in Kenji Mizoguchis "Das Leben der Frau Oharu" von 1953.

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