Dirigent, dem Diven vertrauen

13. Februar 2014, 18:04
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Evelino Pidò leitet diesen Sonntag die Premiere von Francesco Cileas Oper "Adriana Lecouvreur" an der Wiener Staatsoper

Wien - Erstaufführungen an der Staatsoper sind so rar wie Schnee in manchem Wiener Winter. Dank Angela Gheorghius Initative ist nun Francesco Cileas Oper Adriana Lecouvreur (mit großem Erfolg und unter Mitwirkung Enrico Carusos 1902 an der Mailänder Scala uraufgeführt) ab Sonntag im Haus am Ring zu erleben. Endlich. Denn Cileas hochklassig gearbeitete Musik ist farbig, fesselnd und abwechslungsreich: Wuchtiges Opernbühnenpathos wechselt mit lodernder Dramatik und rührender Intimität. In der Instrumentierungskunst an Richard Strauss heranreichend, weist Cilea den Weg, den Jahrzehnte später Erich Wolfgang Korngold und die Komponisten der US-amerikanischen Filmindustrie beschreiten sollten.

Dirigieren wird an der Staatsoper Evelino Pidò. Der Italiener leitete 2011 die mit Anna Netrebko und Elina Garanca starbesetzte Premiere von Donizettis Anna Bolena am Haus, nun singt Angela Gheorghiu: Evelino Pidò ist der Dirigent, dem die Diven vertrauen. Bereits mit 17 Jahren als Fagottist für das Orchester der Mailänder Scala engagiert, brach seine Leidenschaft für das Dirigieren durch. Claudio Abbado ermunterte seinen Assistenten, auch ein Studienjahr in Wien zu absolvieren: Bei Karl Österreicher an der Wiener Musikakademie geschah dies Anfang der 1980er-Jahre.

Als Probenfan lehnte Pidò in der Ära Ioan Holender Einladungen ab, Repertoirevorstellungen zu dirigieren. Nun, bei Dominique Meyer, stimmt das Paket aus Premieren, Wiederaufnahmen und Repertoireaufführungen, für die der gebürtige Turiner zumeist eine Sitzprobe zugestanden bekommt: "Eine Sitzprobe ist eigentlich nicht genug, aber mit dem Staatsopernorchester geht das. Dieses Orchester ist ein Ferrari."

Pidò hat sich "natürlich" für die von Cilea überarbeitete, 1930 in Neapel zum ersten Mal gespielte Letztfassung des Werkes entschieden, weil sie mehr Feinheiten bietet als die Fassung von 1902. Und er hat das komplette Orchestermaterial persönlich vorbereitet: Die Striche bei den Streichern eingezeichnet, dynamische Angaben ergänzt - das Werk ist auch für das Staatsopernorchester Neuland.

"Cilea hat einen sehr eleganten Stil, die Harmonien, die Farben, die Instrumentierung - das geht alles über den Verismo hinaus, weist schon zum Impressionismus. Und es gibt wundervolle Arien - kurz, aber wunderschön! Und dann ist die Titelfigur ja eine Schauspielerin, und das Ineinander von Theater und Oper ist einfach wundervoll gelöst", erklärt er die Qualität dieser Opernrarität.

Pidò ist wichtig, eine Atmosphäre des Vertrauens zu den Sängern aufzubauen: "Speziell in Neuproduktionen ist die Präsenz des Dirigenten enorm wichtig. Tag für Tag da zu sein, zu proben, zu diskutieren - da wächst sehr viel. Hier am Haus fühle ich mich sehr wohl, auch in der Stadt. Oper wird hier geschätzt und unterstützt - von der Politik und von der Bevölkerung" - im Gegensatz zu Italien, wo die Situation desaströs sei.

In Italien arbeitete Pidò zuletzt mit dem Regisseur Daniele Abbado, dem Sohn seines Mentors Claudio Abbado. "Mit seiner Tochter Alessandra und seinem Sohn bin ich befreundet. Ihn habe ich dann und wann nach einem Konzert in der Garderobe besucht, Hallo gesagt und ihn umarmt. Claudio Abbado war ein unglaublicher Dirigent, aber auch ein wundervoller Mensch, leise und bescheiden. Das ist auch meine Art." (Stefan Ender, DER STANDARD, 14.2.2014)

  • Aus einer Turiner Künstlerfamilie stammend: Evelino Pidò dirigiert eine Opernrarität.
    foto: regine hendrich

    Aus einer Turiner Künstlerfamilie stammend: Evelino Pidò dirigiert eine Opernrarität.

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