Mittelklasse-Markentierchen als bedrohte Spezies

13. Februar 2014, 18:15
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Kulturensatire von Lisl Ponger in der Secession: "The Vanishing Middle Class"

Wien – "Welcome to the Wadsworth!" , begrüßte Andrea Fraser 1991 die Besucher, die zu einer Museumstour ins älteste Kunstmuseum der USA in Hartford, Connecticut, gekommen waren. Aber anstatt Säle zu durchschreiten und Exponate zu betrachten, führte die im strengen Businesskostümchen steckende Künstlerin um das Museum herum. Fraser erinnerte – niemals aus der Rolle des Museumsprofis fallend – an die koloniale Vergangenheit und deren Vermächtnis. In diesen auf ­Videos gebannten Performances lenkte sie das Augenmerk auf die museale Repräsentation einer Kultur der vorindustriellen Epoche und hinterfragte das Zeit­gemäße solcher Inszenierungen.

Insgeheim musste man am Mittwoch in der Secession an diese Museumstouren der US-Künstlerin denken: "Guten Tag" , sagte Fotografin Lisl Ponger, stellte sich als Kuratorin vor und lud zur Führung durch das "Museum für fremde und vertraute Kulturen" , kurz MuKul. Zwar scheint Ponger weniger am überzeugenden Schauspiel gelegen, ihre Themen – u. a. Postkolonialismus und das Konstruieren kultureller Identitäten – verweisen aber sehr wohl auf die institutionskritische Kollegin.

Aber wo Fraser die Realität als absurde Szenerie genügt, kommt bei Lisl Ponger der Kulissenbau hinzu: Ihr MuKul benamstes "Völkerkundemuseum"  platziert sie als Museum im Museum – eine Pressspanplattenarchitektur, in bildungsbürgerliche Kunstsalonfarben getaucht. Würde die Kritik dort situiert sein, wo sie hinpeckt – etwa im Weltmuseum Wien –, wären solche Kunstgriffe unnötig.

Aber die Posse geht weiter! Das MuKul wurde Opfer einer Sprayattacke! An der Außenwand der Pressspaninstitution ätzt der Slogan "Nieder mit dem Neo-Imperialismus!"  Und damit wäre auch die Tonart klar, mit der die folgende Satire zu verdauen ist:

The Vanishing Middle Class ("Die verschwindende Mittelklasse" ) heißt die von Ponger kuratierte MuKul-Ausstellung, die an die aussterbende Spezies, an deren Kulturen und Gebräuche, erinnert. Der Mittelstandsmensch – für die Nachwelt in Gips abgegossen – als ein sich mit Statussymbolen schmückendes und beduftendes Wesen, ein Markentierchen, das Gucci, Prada & Co vergöttert, und ein Formenwandler (Faschingskostüme und Masken). Und die Feinde des "Homo mittelstandsiensis" ? Golfspielende Banker und Vertreter des Neoliberalismus, denen die Monopoly-Luxusedition ein Denkmal setzt.

Hihi-Hoho-Satire

Man spielt also alle Stückeln musealer Ordnungen des 19. und 20. Jahrhunderts: fährt penibel beschriftete Vitrinen auf, scheut keine aufwändigen Dioramen und imitiert mit Monitoren und Internetvideos auch die Modernisierungsversuche solcher Systematisierungsapparate und ethnologischer Sammelschubladen.

Das Gegenstück zur Brachial­satire sind die Wandtexte, die für wichtige kapitalismus- und globalisierungskritische Inputs sorgen. Diese könnten autonom stehen; die Exponate leider nicht. Trösten können da nur Pongers Fotografien, sie bündeln bissige Kritik in nur einem Foto. Als Epilog sind sie allerdings völlig unterspielt. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 14.2.2014)

bis 30. 3.

  • Ausstellungseinblick Secession "The Vanishing Middle Class"
    foto: michael michlmayr

    Ausstellungseinblick Secession "The Vanishing Middle Class"

  • Lisl Ponger hat Man Rays "Noir et Blanc"  (1926), das weiße Frau undafrikanische Maske gegenüberstellt, ­kritisch überspitzt: "En couleur" (2007).
    foto: charim-galerie

    Lisl Ponger hat Man Rays "Noir et Blanc"  (1926), das weiße Frau und
    afrikanische Maske gegenüberstellt, ­kritisch überspitzt: "En couleur" (2007).

  • Lisl Ponger, "Wild Places", 2001
    foto: charim-galerie

    Lisl Ponger, "Wild Places", 2001

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