Vor lauter Pflicht Mehrsprachigkeit nicht vergessen

13. Februar 2014, 17:42
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Geht es nach der Regierung, müssen künftig Vierjährige in den Kindergarten, so sie es brauchen - Experten warnen vor rechtlichen und inhaltlichen Problemen

Wien - Ein User im derStandard.at-Forum macht sich ob der angekündigten Pläne der Regierung, ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr "für die, die es brauchen", einzuführen, bereits Sorgen: "Kindergartenpflicht ab 4, Schulpflicht ab 6, Ausbildungspflicht bis 18, dann Wehrpflicht." Und er fragt sich, ob es mit einer "Arbeitspflicht bis 65 oder 70" und der "Altersheimpflicht bis zum Tod" weitergeht.

Rechtliche Basis

Verfassungsrechtler Bernd-Christian Funk sorgt sich mehr um die rechtliche Basis der geplanten Kindergartenpflicht für Vierjährige mit Sprachschwächen: "Die Frage ist, ob man das überhaupt vorschreiben darf", sagt Funk im STANDARD-Gespräch. Wenn, dann könne sich der Gesetzgeber dabei auf die "erweiterte Schulpflicht" stützen, aber: "Unproblematisch ist das nicht. Wie weit ist es sachlich gerechtfertigt, das vorzuziehen?"

Auch unter dem Gesichtspunkt der "sachlichen Gleichbehandlungspflicht" ergibt sich für Funk "eine ganze Reihe rechtlicher Probleme". Kollege Theo Öhlinger ist weniger skeptisch: "Meinem Gefühl nach würde das vor dem Verfassungsgerichtshof halten."

Kurz: "Finanzielle Hilfen"

Wie genau die Neuregelung aussehen soll, dafür gibt es in der Regierung noch keinen Plan. Minister Sebastian Kurz (ÖVP) sprach zunächst von "finanziellen Hilfen" für jene, "die sich das nicht leisten können". Jetzt will man "am Ziel festhalten, den Kindergarten für Vierjährige gratis anzubieten". Und während man sich anfangs auf das Instrument der Sprachstandsfeststellung für Dreieinhalbjährige konzentrierte, wünscht sich Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) auch eine Feststellung des Entwicklungsstandes, bei der "neben Sprache etwa psychomotorische Fähigkeiten getestet werden".

Für Migrationsforscherin Barbara Herzog-Punzenberger ist wiederum die Sprachstandsfeststellung selbst problematisch: "Man kann nicht so tun, als ob ein einsprachiges Kind, das Mängel in seiner ersten und einzigen Sprache hat, in derselben Situation ist wie ein zwei- oder mehrsprachiges Kind, das seine Erstsprache auf altersadäquatem Niveau beherrscht und eine zweite oder dritte Sprache, ­ nämlich Deutsch, in einer anderen Weise."

Eigene Konzepte für mehrsprachige Kinder

Wollte man den konkreten Förderbedarf in der Sprachentwicklung des Kindes feststellen, müsste auch die Erstsprachenkompetenz der kleinen Testpersonen ermittelt werden, fordert Herzog-Punzenberger im STANDARD. Sprachförderung müsse in diesen Fällen "auf die Tatsache der Mehrsprachigkeit in den Familien aber auch Kindergärten abgestellt werden". Soll heißen: Mehrsprachige Kinder brauchen eigene Konzepte für den Spracherwerb ­ im Bestfall mit gezielter Förderung in der Muttersprache. Diese sollten wiederum ihren sichtbaren und hörbaren Platz im Kindergartenalltag haben.

In der Diskussion über das zweite Kindergartenjahr geht die fehlende Evaluierung des ersten fast unter. Dabei waren laut Statistik Austria im Jahr 2012/13 längst nicht alle Fünfjährigen für die erforderlichen 20 Wochenstunden im Kindergarten anzutreffen. Die Zahlen variieren je nach Bundesland, am niedrigsten ist die Betreuungsquote in Wien, wo nur 90,6 Prozent der Fünfjährigen tatsächlich im Kindergarten waren. Wieso das so ist, hat die Regierung nicht untersucht.

Eltern, die der Pflicht nicht nachkommen, müssen zwischen 100 und 250 Euro Strafe zahlen. Auch die Kindergartenkosten regelt jedes Bundesland anders: In Wien und Oberösterreich zahlen Eltern ganztägig nichts, für Niederösterreicher ist er halbtags gratis, eine Regel, die auch für junge Tiroler ab vier Jahren gilt. Salzburg, Steiermark, Kärnten, Vorarlberg und das Burgenland heben Gebühren ein. Würde das Gratis-Kindergartenjahr auf alle Vierjährigen ausgeweitet, rechnet die Regierung mit Kosten von rund 20 Millionen Euro, erfuhr der STANDARD. Zum Vergleich: Die Verpflichtung aller Fünfjährigen schlug mit rund 70 Millionen zu Buche. (Karin Riss, DER STANDARD, 14.2.2014)

  • Spielerisches Lernen gehört zum Alltag im Kindergarten. Künftig schon für Vierjährige mit Sprachmängeln verpflichtend, wenn es nach der Regierung geht.
    foto: reuters

    Spielerisches Lernen gehört zum Alltag im Kindergarten. Künftig schon für Vierjährige mit Sprachmängeln verpflichtend, wenn es nach der Regierung geht.

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