Giraffentanz

13. Februar 2014, 17:37
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Stimmen der Vernunft waren rar, sie wurden auch nicht allzu gerne gehört

Unverhältnismäßigkeit ist das Kennzeichen des Medienzeitalters. Fünf Tage nach dem Tod einer geschlachteten Giraffe sieht sich der Zoodirektor mit Morddrohungen konfrontiert. Die Bilder von Schlachtung und Verfütterung des Jungtieres Marius motivierten Nutzer, ihr Recht auf freie Meinungsäußerung auszuüben und dem Verantwortlichen einen Shitstorm zu schicken, von dem sich dieser Mann, der nur seinen Job ausübte, so schnell nicht wieder erholen dürfte.

Stimmen der Vernunft waren rar, sie wurden auch nicht allzu gerne gehört. Eine davon meldete sich am Mittwoch in "Heute Mittag" im ORF zu Wort. Der Wiener Kognitionsbiologe Tecumseh Fitch sagte, er könne - soweit sich das aus der Distanz sagen ließe - keine ethische oder moralische Verfehlung im Umgang mit Marius feststellen, was dem Reporter offenbar zu wenig spektakulär war, denn er hakte nach: "Ist es okay, dass man das vor kleinen Kindern macht?" Mr. Fitch: "Das ist eine Frage für die Eltern. Nicht für mich."

Eine derart trockene Analyse hätte es auch gebraucht, als es um jenen glücklichen Hirschen ging, der in Obertilliach im Schnee gefangen war und von Snowboardern ins Freie gezogen, gehoben und geschoben wurde. Heute Österreich befragte Jäger, ob dem Tier damit wirklich geholfen worden sei, wovon man rein theoretisch ausgehen könnte. Das Interesse der Jäger galt folglich auch eher Mensch als Tier: Was hatten die Snowboarder im Wald zu suchen? Besagte Rettungsaktion sei zudem unnötig, denn Wildtiere seien an die Wildnis schließlich gewöhnt und können ihren Energiehaushalt je nach Anforderung höher und niedriger schalten. Wie man's macht, ist's verkehrt. (Doris Priesching, DER STANDARD, 14.2.2014)

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