Blutspendedebatte: Sensibilität fehlt

Leserkommentar13. Februar 2014, 17:13
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Muslime gehören keiner homogenen Gruppe an. Das macht die Diskussion um ein Verbot für Blutspenden absurd

Die Muslime. Das sind immer Türken. Sprechen nicht wirklich gut Deutsch. Sind in Südosteuropa zu verorten und aja, auf ihre Gesundheit achten sie meist kaum. Es sind immer dieselben Bilder, die bei vielen auftauchen, wenn sie Islam oder Muslime hören. Sie werden unterschwellig betoniert, verschärft und bekräftigt.

Frauen mit Plastiksackerl am Markt, lange Mäntel, grimmige Blicke, wenn die überhaupt zu sehen sind – denn oft sieht man sie nur von hinten. Verhüllt, ausländisch und das krasse Gegenteil zur emanzipierten "westlichen" Frau. So will man sie haben. So sieht man sie auch. Aber egal, ob es um den Islam, Muslime oder Musliminnen geht, sie werden fremdverortet. Sie gehören nicht zu uns. Sie bleiben fremd. In den Köpfen. Dabei geht man der Realität auch mal gerne aus dem Weg.

Vorurteile

Diese Bilder und die Unsensibilität sind bei der Ablehnung der Blutspendeaktion der Islamischen Religionsgemeinde in Linz wieder einmal sichtbar geworden. Ich zweifle nicht daran, dass es Länder gibt, in denen das Gesundheitssystem nicht so gut ist wie in Österreich. Dementsprechend sind viele Menschen nicht versichert oder haben nicht genügend Geld und Ressourcen, sich vor Krankheiten zu schützen.

Sicher gibt es unter den muslimischen Flüchtlingen Migranten, die selbst Migration erlebt haben und möglicherweise auch mit erhöhter Wahrscheinlichkeit Hepatitis B mit ihrem Blut weitertragen könnten. Irgendwie nachvollziehbar. Was mich hierbei dennoch stört, ist die Pauschalisierung. Kollegen der Ärztin des Roten Kreuzes schließen zwar eine rassistisch-diskriminierende Haltung ihrer Fachgenossin aus, doch sehen viele nicht ein, dass hier eine pauschale Annahme grundlos gemacht wurde. Warum sollte die islamische Religionsgemeinde in Österreich nur aus südosteuropäischen Migranten bestehen? Und weshalb seien alle gemeinhin nicht zum Spenden geeignet?

Für immer fremd

Das Rote Kreuz hat sich zwei Tage später entschuldigt und auch hier war seitens der Organisation die Sprache von Migranten. Die Migranten werden nicht ausgeschlossen. Aber die Muslime werden fremdverortet. Immer wieder werden Ethnizität und Religion vermischt. Muslim ist gleich Türke. Sie kommen aus dem Ausland und deswegen sind sie medizinisch nicht geeignet. Doch ist weder Muslimsein gleich Migrantsein, noch ist Muslimsein gleich zum Spenden nicht geeignet sein.

Aber diese Bilder sind vorherrschend. Muslime sind keine homogene Gruppe, sie sind vielfältig. Es gibt jede Menge Muslime, die sicher auch Mitglieder in der Islamischen Religionsgemeinde in Linz sind, die in Österreich geboren und aufgewachsen sind, die geimpft wurden und medizinisch geeignet wären. Egal ob sie Wurzeln in Frankreich, Ägypten, Bosnien, Albanien, Pakistan, Italien, Indonesien oder der Türkei haben.

Eigene Erfahrungen

Ich besitze einen Blutspender-Ausweis und spende regelmäßig. Negative Erfahrungen habe ich mit dem Roten Kreuz nie gemacht. Nie wurde ich auf mein Aussehen oder meine Herkunft angesprochen geschweige denn aufgrund dessen benachteiligt. Man hat mich immer mit offenen Armen empfangen, über Gott und die Welt gesprochen und sich ausgetauscht. Mit diesem Kommentar will ich weder die Islamische Gemeinde noch das Rote Kreuz beschuldigen, böswillig gehandelt zu haben. Aber ich sehe immer wieder, dass da jede Menge Bewusstsein und Sensibilität fehlt. Auf beiden Seiten. Weil Muslime sind immer Türken. Sie sind in Südosteuropa zu verorten. (Leserkommentar, Nermin Ismail, derStandard.at, 13.2.2014)

Nermin Ismail ist freie Journalistin in Wien.

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