Alltag Armut: "Ich liebe Sachbücher"

13. Februar 2014, 16:47
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Start der Serie "Alltag Armut": Wir bitten Menschen vor den Vorhang, die sonst hinter Statistiken verschwinden

Graz - In Österreich sind aktuell bereits 1,2 Millionen Menschen armutsgefährdet. Besonders betroffen sind Familien mit Kindern. Armut trifft aber auch Singles ohne Kinder, alte und junge Menschen, Arbeitslose und immer öfter auch Menschen mit einem oder mehreren Jobs.

Auf derStandard.at/alltagarmut und im STANDARD werden künftig in der Serie "Alltag Armut" Menschen vor den Vorhang gebeten, die sonst hinter Statistiken verschwinden. Sie alle müssen mit ganz wenig Geld ihr Leben meistern. Sie werden nicht nur erzählen, wie wenig Geld das ist, sondern auch, was ihr größter Traum war, als sie noch Kinder waren, was sie machen würden, wenn sie plötzlich mehr Geld hätten, und uns ihren Lieblingsplatz zeigen, wenn sie einen haben.

Ulrike F. ist die Erste, die uns ihre Geschichte erzählt. Für sie sind im Oktober leichtere Zeiten angebrochen. Seit damals hat sie wieder einen Job, 30 Stunden in einem Callcenter. Sie hat jetzt etwa sieben Euro am Tag zur Verfügung.

Burnout-Syndrom

Bevor sie den neuen Job bekam, war Ulrike F. fünf Jahre arbeitslos. Sie hatte davor in einem anderen Callcenter gearbeitet und daneben die Abendmatura gemacht. Ihr Arbeitsplatz wurde aber wegrationalisiert. Das und die Belastung durch die Sorge um ihre kranke Mutter führten zu einem Burnout-Syndrom, das die alleinstehende Grazerin völlig aus der Bahn warf.

Als die heute 40-Jährige nach Monaten wieder erste Schritte ins Leben wagte, wurden für sie vor allem kostenlose Bildungsangebote wie die Megaphon-Uni der Caritas, wo sie sich Vorlesungen quer durch die Fakultäten anhörte, zum Antrieb, nicht aufzugeben. Ihr Hobby ist Lesen. "Ich liebe Sachbücher", sagt sie.

Was ihr Traum als Kind war? "Kindergärtnerin oder Lehrerin zu werden." Warum wurde sie nicht Lehrerin? "Weil mir meine Lehrerin gesagt hat, ich bin zu blöd für die Matura." Jetzt hat Ulrike F. die Matura seit Jahren in der Tasche und würde gerne studieren. Während der Arbeitslosigkeit konnte sie das nicht, weil sie ihr Arbeitlosengeld verloren hätte. Nun keimt der Traum wieder auf, erzählt sie in der Landesbibliothek im Grazer Joanneumsviertel, wo sie mindestens einmal pro Woche einkehrt. "Es ist mein Lieblingsplatz in Graz, wegen der Bücher und weil ich kein Internet zu Hause habe."

Wunsch nach Nachtkastl

Sie sei "gerade am Überlegen: auf die Pädak gehen und Lehrerin werden oder Bibliothekarin und Archivarin lernen".

Was würde Ulrike F. kaufen, wenn sie unerwartet zu Geld käme? Nach kurzem Schweigen sagt sie: "Ich würde mir ein neues Gewand kaufen. Und ein Nachtkastl. Das brauche ich wirklich dringend." (Colette Schmidt, derStandard.at, 13.2.2014)

  • Ulrike F. an ihrem Lieblingsplatz: Hinter einem der Glastrichter, die sich im Grazer Joanneumsviertel in die Tiefe bohren, ist die Landesbibliothek, wo sie gratis lesen und im Netz surfen kann.
    foto: cms/der standard

    Ulrike F. an ihrem Lieblingsplatz: Hinter einem der Glastrichter, die sich im Grazer Joanneumsviertel in die Tiefe bohren, ist die Landesbibliothek, wo sie gratis lesen und im Netz surfen kann.

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