Weltkonjunktur: "Die Krise ist vorbei"

Interview13. Februar 2014, 18:37
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Die Schwellenländer schwächeln derzeit, bleiben langfristig aber interessant, sagt die Asset-Allocation-Expertin Erika Karitnig

STANDARD: Die Börsenrally geriet zuletzt ins Stocken. Woran hakt es?

Karitnig: Die Schwellenländer schwächeln. Aus Angst davor, dass die US-Notenbank die Anleihenkäufe stärker drosselt und wegen der anziehenden Wirtschaft die Zinsen erhöht, wurde mit Währungsabwertungen begonnen. In der Folge ziehen Investoren ihr Geld ab. Von 2009 bis 2013 sind rund 60 Prozent vom billigen Notenbankgeld eins zu eins in die Emerging Markets geflossen. Jetzt herrscht große Angst, was passiert, wenn dieses Geld wieder abfließt. Teilweise haben die Länder auch eine hohe Auslandsverschuldung, in manchen Schwellenländern gibt es auch eine hohe Inlandsverschuldung, weil sich die Menschen auf den Boom verlassen haben. Das bringt Volatilität in die Märkte.

STANDARD: Was bedeutet es denn für die Schwellenländer, wenn so viel Geld wieder abgezogen wird?

Karitnig: Was sich in diesen Märkten jetzt tut, muss man sich langfristig ansehen. In vielen Ländern sehen wir ja auch politische Unruhen. Historisch war es immer zu beobachten, dass man eine Phase mit einem Wirtschaftswachstum von bis zu zehn Prozent rund eine Dekade lang aufrechterhalten kann. Ist das Pro-Kopf-Einkommen gestiegen und sind die Grundbedürfnisse wie Essen oder Wohnen einer breiten Masse der Bevölkerung gedeckt, kommen meist Probleme auf. Dann werden instabile Institutionen transparent. Oft fehlt es an einem stabilen Rechtssystem und an stabilen Wirtschaftseinrichtungen. Korruption ist in vielen Ländern ein Problem. China will sich von einer Exportnation hin zu einer Binnenwirtschaft umstellen. Dort ist man sich bewusst, dass man einen anderen Weg einschlagen muss.

STANDARD: Wie sieht es mit den Problemländern in Europa aus?

Karitnig: Wir haben ein Europa der zwei Geschwindigkeiten. Die Pigs - insbesondere Spanien und Irland - haben ordentlich aufgeholt. Italien hinkt noch hinterher. Man sieht das an den Lohnstückkosten, die in den Pigs vor der Krise gestiegen sind. Durch die Reformen gab es eine Anpassung. Die Stimmung für die Eurozone ist daher positiv. Frankreich ist aus einer guten Position ins Hintertreffen gerückt. Dort ist zu wenig passiert. Der Arbeitsmarkt ist sehr unflexibel. Man wird sehen, ob die angekündigen Reformvorhaben umgesetzt werden.

STANDARD: Bei allen Reformen bleiben die Probleme wie etwa die enorm hohe Arbeitslosigkeit ...

Karitnig: Das stimmt. Das wird uns auch noch einige Jahre begleiten, auch die hohe Staatsverschuldung. Europa ist gefordert, über Forschung und Entwicklung Chancen zu heben, um der Jugend wieder Perspektiven zu geben.

STANDARD: Das Thema Verschuldung ist auch in den USA omnipräsent. Schon wieder wird über die Schuldengrenze diskutiert ...

Karitnig: Der Vorteil in Amerika ist, dass die USA ein größeres Wachstumspotenzial haben als die Eurozone. Zudem ist das Wirtschaftssystem sehr agil, es gibt wesentlich mehr Entrepreneurship. Daher kann Amerika mehr Schulden in Prozent des BIPs vertragen als die Eurozone. Die USA haben hohe Schulden aus dem Posten der Verteidigung. Hier ist das Schieferöl und -gas eine Chance. Gelingt es den USA, energieautark zu werden, brauchen sie den Osten wegen des Öls nicht mehr und müssen sich in die Konflikte nicht mehr einmischen. Damit entstünde ein enormes Einsparpotenzial.

STANDARD: Was bedeutet das aktuelle Umfeld für Anleger?

Karitnig: Man muss viel selektiver sein. In den vergangenen Jahren konnte man Emerging Markets kaufen, da ist alles gestiegen. Jetzt muss man sich viel genauer anschauen, was sich in den einzelnen Ländern tut.

STANDARD: Abgesehen von den Emerging Markets: Welche Asset-Klassen kann man kaufen, welche Regionen, welche Branchen?

Karitnig: Risikolos gibt es noch immer so gut wie nichts zu verdienen. Entweder geht man auf Nummer sicher und verliert die Inflation - dann ist man mit Staatsanleihen aus Deutschland oder den USA gut aufgehoben. Will man mehr Rendite und den Kapitalerhalt sicherstellen, bleiben nur Aktien als Beimischung. Da bieten sich immer noch sehr gute Chancen, weil die Bewertung noch nicht zu teuer ist. Zudem haben wir in den entwickelten Teilen der Welt - Europa, Japan, USA - gute Wachstumsaussichten. Je mehr Risiko ein Investor aushält, desto höher sollte die Aktienquote sein. Aber man muss breit streuen. Auch Fremdwährungen, etwa US-Dollar oder das britische Pfund, bieten sich zur Diversifikation an.

STANDARD: Viele Aktien haben zuletzt aber schon stark zugelegt ...

Karitnig: Die Marktteilnehmer sehen sich jetzt genau an, welche Unternehmen was abliefern. Mit Schönrederei und Hoffnung geht gar nix mehr. Jetzt zählen wieder die Fakten, und die Unternehmen müssen den Gewinn liefern, der aktuell bereits eingepreist ist.

STANDARD:Die Weltkonjunktur stabilisiert sich, die Sentiment-Indikatoren stimmen positiv. Ist die Finanz- und Wirtschaftskrise vorbei?

Karitnig: Ja, die Krise ist vorbei. Wir sind in einem Aufschwung, der von den USA getragen wird. Die Staatsschulden, mit denen die Krisenbewältigung erfolgte, werden uns aber noch Jahre begleiten. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 14.2.2014)

Erika Karitnig ist seit 2008 Chief Investment Officer bei der Bawag PSK Invest und für Asset-Allocation zuständig. Die Golferin hat BWL in Wien studiert und sich auf Finanzmärkte und Personalmanagement spezialisiert. Ausgleich findet die Expertin beim Kochen und Lesen.

  • "Europa ist gefordert, der Jugend wieder eine Perspektive zu geben", sagt Bawag-Expertin Erika Karitnig.
    foto: standard/regine hendrich

    "Europa ist gefordert, der Jugend wieder eine Perspektive zu geben", sagt Bawag-Expertin Erika Karitnig.

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