Akustische Rückschau auf Zeiten des Terrors

13. Februar 2014, 17:05
3 Postings

Wiener Symphoniker und Ingo Metzmacher mit u. a. Schostakowitsch im Musikverein

Wien - Wenn man in einer zeitlichen und geografischen Komfortzone wie dem Mitteleuropa der Gegenwart leben darf, erscheinen die Symphonien Dimitrij Schostakowitschs oft wie eine lehrreiche Geschichtsstunde, wie eine erschütternde akustische Rückschau in Zeiten des Terrors und des kollektiven Leids. Schostakowitschs Lebensspanne beinhaltete zwei Weltkriege, er litt unter dem totalitären Sowjetregime und der repressiven Kulturpolitik.

In seiner elften, im Oktober 1957 uraufgeführten, Symphonie nimmt er dem Beinamen nach Bezug auf Das Jahr 1905, in welchem Zar Nikolaus II. vor dem Winterpalast auf eine Bittprozession hungernder Petersburger schießen ließ und ein Massaker anrichtete; prägend für die Komposition, so Schostakowitsch in seinen Memoiren, war aber auch die Niederschlagung des ungarischen Aufstands 1956.

Die sechs Mann der Schlagwerkabteilung der Wiener Symphoniker hatten am Mittwochabend also alle Hände voll zu tun bei der Wiedergabe des Großwerks, in dem Schostakowitsch moderne Kriegsmaschinerien Klang werden lässt. Neben dem vitalen Paukisten verdient der Musiker an der kleinen Trommel ein Sonderlob: So tolle Decrescendi, so leise und doch bedrohliche Trommelwirbel hört man selten. Im Piano wundervoll präzise und stimmungsvoll auch die Trompeten, makellos Hörner und Posaunen.

Insgesamt boten die Wiener Symphoniker hier unter der Leitung von Ingo Metzmacher eine beeindruckende Demonstration ihres Könnens. Metzmacher gelangen zwischen den Kraftblöcken der klingenden Militaria und des schwermütigen, schwergewichtigen Melos auch wundervoll elastische und zarte Stimmungszeichnungen: beeindruckend.

Die in der ersten Konzerthälfte gespielten, von den Schrecknissen des Zweiten Weltkriegs geprägten Metamorphosen von Richard Strauss passten thematisch gut zum Hauptwerk des Abends, reichten aber in Sachen Intensität und Detailgenauigkeit nicht an dieses heran: Zu wenige der 23 Musiker bewiesen sich hier, wie von Strauss gefordert und so bezeichnet, als "Solostreicher". Auch Metzmachers Input hielt sich in Grenzen. Beim begeisterten Applaus war das aber vergessen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 14.2.2014)

Wiederholung am 14. 2.

Share if you care.