Wild Beasts: Ruhepulsromantiker

13. Februar 2014, 17:37
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Die britische Band Wild Beasts veröffentlicht ihr Album "Present Tense" - Große Gefühle und Minimalismus ringen um Beherrschung

Wilde Biester stellt man sich anders vor, aber letztlich macht der Bandname auch beim vierten Album wieder Sinn. Die Wild Beasts kommen auf leisen Pfoten geschlichen, bevor sie sich unser bemächtigen. Dazu spinnen sie ein Referenzgeflecht, das einem schon fast zu schlaumeierhaft erscheint, aber man kommt ja selber nicht ohne aus.

Die Wild Beasts sind ein Vierer aus dem britischen Norden, aus Kendal. Auffällig wurden sie mit kapriziösen Popsongs, die in manchen Momenten richtig anschieben, es sich aber versagen, solche Ausbrüche zur Gewohnheit werden zu lassen. Da zieren sich Hayden Thorpe und seine Mitstreiter wie widerwillig, und genau das ist vielleicht die Kunst dieser Band: diese filigranen Kompositionen für die Denkerdisco, in der die Frisur nie verrutscht, weil man ohnehin nicht tanzt. Der Schweiß, das nasse Hemd, eklig irgendwie. Konträr dazu zeigt sich der meist ein wenig in sich gekehrt falsettierende Thorpe dann wieder im Stricheroutfit, als würde er in seinem Feinrippunterleiberl mit Dosenbierjause auf Kundschaft aus dem Fabriksviertel warten.

Erstmals richtig erblüht war die Kunst dieser Band auf ihrem zweiten Album Two Dancers, das der Band gleich eine gerechte Nominierung für den renommierten britischen Mercury Music Prize eingebracht hat. Auch darauf verschränkte die Band seufzende Popsongs mit aus dem Soul übernommenen Klicke-di-klack-Schlagzeugrhythmen und verschüttete dazu kübelweise Herzblut. Das Folgewerk Smother fand sich in den Charts dann schon entsprechend weit vorne, vor dem jetzt erscheinenden Present Tense hat die Band jedoch eine Auszeit von der Mühle genommen.

Present Tense wurde zuerst am Rechner entworfen und erst Stück um Stück für die Band adaptiert. Die Zuschreibung Dream Pop ist wahrscheinlich irgendwie zulässig, vor allem wenn Thorpe sich stimmlich an Mark Hollis und dessen Gesang im Spätwerk von Talk Talk orientiert, bevor Hollis in sein Inneres verschwand. Diesen atmosphärischen Meisterwerken kommen die Beasts nicht nahe, doch die Schwermut einer Ballade wie A Dog's Life besitzt ähnliche Qualitäten.

Lass den Deckel drauf

Der Synthie-Pop von The Human League dürfte den Herren auch nicht ganz unbekannt sein, doch all diese Einflüsse werden auf leisen Pfoten zelebriert. Sie betupfen ein Lied wie Wanderlust mit einer pointierten Zärtlichkeit auf die Thorpe seinen karamellisierenden Gesang setzt. Diese Zurückhaltung hält den Deckel auf Songs wie Mecca. Man könnte von einer freiwilligen Selbstkontrolle sprechen. Die Sehnsucht wird keinem Expressionismus anvertraut, Thorpe beißt sich da lieber die Fingerkuppen blutig. Lieber noch zurückhalten als zu früh in Ohnmacht fallen.

Dieser Zugang komprimiert die Stimmung in den Kleinodien der Wild Beasts zur eigenen Handschrift. Weniger ist mehr, Ruhepuls statt Blockbustergefühlichkeit. Ein bisschen muss man sich in diese Musik einhören, sie ziert sich. Wie schon gesagt, diese Biester sind Schleicher. Romantische Biester und scheue Schleicher. Aber der Weg und die Zeit lohnen sich. (Karl Fluch, DER STANDARD, 14.2.2014)

Wild Beasts: "Present Tense" (Domino) Ab 21. 2.

  • Die Wild Beasts umschleichen uns auf leisen Sohlen, bevor sie uns in den Nacken beißen.
    foto: klaus thymann / domino

    Die Wild Beasts umschleichen uns auf leisen Sohlen, bevor sie uns in den Nacken beißen.

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