Berechenbarer Mensch: Inspektor Algorithmus

Glosse13. Februar 2014, 16:17
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Wenn der Algorithmus hinter Gitter bringt - Utopie und Science-Fiction in der Überwachungsdebatte

"Schützt den Datenkörper", fordert die Schriftstellerin Juli Zeh in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in einem bemerkenswerten Text zur Überwachungsdebatte. Menschen sollten ihren Datenkörper wie den biologischen Körper zum Schutz ihrer digitalen Privatsphäre als Teil ihrer Gesamtidentität empfinden und geschützt wissen durch ein digitales Grundrecht und einen digitalen Code Civil.

Wie das Rechtssystem der Zukunft aussehen könnte? Zeh spinnt den Gedanken provokant weiter: "Muss ein Unschuldiger vorsorglich eingesperrt werden, wenn ein Algorithmus voraussagt, dass die betreffende Person in absehbarer Zeit kriminell werden wird?" Eine Vision, die an eine Science-Fiction-Serie erinnert.

Utopie

In der Fernsehserie "Person of Interest" hat die US-Regierung einen geheim gehaltenen Gewaltdetektor, lässt aber nur einschreiten, wenn die Verbrechen "relevant" sind, also viele Todesopfer zur Folge hätten. Im Science-Fiction-Krimi wird der Programmierer zum Helden der "irrelevanten" Opfer. Seine Hintertür in der Software öffnet ihm den Zugang zu Sozialversicherungsnummern von Einzelpersonen, die bald "Opfer" oder "Täter" sein könnten, und er interveniert. Soweit zum televisionären Zukunftstraum.

Man stelle sich vor, dem Innenministerium stünde zur Präventionsarbeit ein Computerprogramm zur Verfügung, das automatisch vor zukünftiger Gewalt warnt. In Kriminalfällen müsste erst gar nicht mehr ermittelt werden. Wie praktisch, wenn die Bevölkerung auch noch "nichts zu verbergen" hätte und Überwachung allgemein akzeptiert wäre. Bliebe das eine Utopie?

Und Realität

Was Zeh nicht explizit erwähnt: Ermittler erstellen bereits Kriminalitätsprognosen aus "Big Data" und analysieren Muster und Trends in sozialen Netzwerken. INDECT heißt jenes EU-Forschungsprojekt, das "abnormales" Verhalten automatisiert erkennen soll. Verdächtig macht sich hier schon, wer länger auf einem Platz herumsteht. Wer derart berechenbar wird, sollte viel zu verbergen haben. Nicht nur die Politik ist gefordert, Antworten auf die Auswirkungen der "digitalen Revolution" zu haben, auch der digitale Bürger muss darauf pochen, im Netz als freies Individuum wahrgenommen zu werden. Inspektor Columbo, der zigarrenrauchende, chaotische, detailverliebte Fernsehermittler mit beispiellosem Spürsinn, war einmal. Von Inspektor Algorithmus ist diese Menschenkenntnis nicht zu erwarten. (Sabine Bürger, derStandard.at, 13.2.2014)

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