"Die Ungarn lieben nicht einmal sich selbst"

Interview13. Februar 2014, 14:11
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Der Philosoph und ehemalige Dissident Gáspár Miklós Tamás über eine neue Herrscherklasse in Ungarn und die Entstehung einer neuen Linken auf dem Balkan

Der linke Philosoph und Regimekritiker Gáspár Miklós Tamás spricht im Interview mit daStandard.at über die politisch-gesellschaftliche Situation in Ungarn und dem restlichen Ost- und Südosteuropa. Die dort betrieben Politiken nennt er "außerordentlich grässlich, niveaulos, geschmacklos". Seine Hoffnung sind die neuen, junge Linken, die "Konsequenzen aus der Krise der Marktwirtschaft und des Parlamentarismus ziehen".

daStandard.at: Unlängst entschuldigten Sie sich für Ihre Rolle bei der Wende und sagten, dass Sie sie "parademäßig vermasselt" hätten. Was haben Sie damit gemeint?

Tamás: Trotz allem, was die kritische Philosophie seit je behauptet, hat man wirklich gedacht, dass der Kapitalismus zu veredeln und zu rehabilitieren war. Das ist nicht gelungen. Ich finde es noch immer gut, dass die Diktatur zu Ende ist. Dennoch haben alle Probleme, die im Westen bestanden, die neuen bürgerlich-demokratischen Gesellschaften in Osteuropa praktisch sofort erreicht: Enttäuschung über den Parlamentarismus, Vertrauensverlust in die Institutionen, Mangel an Partizipation und Aktivität des Volkes, die schnelle Abwertung der Ideale, der Niedergang der Kultur, der Bildung und der Wissenschaft.

Diese Gesellschaften haben die für sie früher charakteristische egalitäre Kultur verloren, und sie haben stattdessen nicht genug Freiheit gewonnen. Diese skeptischen, desillusionierten Gesellschaften glauben, dass jede Macht korrupt ist, und gehen durch eine grausame Struktur- und Wirtschaftskrise. Über das heutige Osteuropa kann man nur das Schlimmste sagen. Jenes Gefühl, das viele in den 80er-Jahren hatten – und das teilweise eine Illusion war –, nämlich dass der Westen zivilisierter, edler, subtiler, besonnener war, eine interessantere Welt als unsere darstellte, ist auch vorbei. Alle sind enttäuscht, nicht nur ich.

daStandard.at: Seit Wochen gehen in der Ukraine Hunderttausende für die westlichen Werte auf die Straße. In Ungarn wird laut der Regierung der "Ostwind" stärker, gesellschaftlichen Widerstand gibt es kaum. Sind die Ungarn weniger dem Westen verpflichtet als ihren östlichen Nachbarn?

Tamás: Nein, weil in der Ukraine nicht das passiert, was die westliche Presse schreibt. Was mit Europa in der Ukraine gemeint ist, ist nichts anderes als der dunkelste russenfeindliche Nationalismus, durchtränkt von den Traditionen des alten ukrainischen Rechtsradikalismus, sogar des Faschismus. Das macht mich nicht froh. Europa bedeutet vieles. Europa kann man mit der EU, dem europäischen Föderalismus und der Festung Europa identifizieren, damit wäre ich sehr vorsichtig. In Ungarn weht kein "Ostwind" besonderer Art, die Regierung nutzt einfach ganz geschickt die Enttäuschung vom Westen aus. Das bedeutet nicht, dass jemand deswegen das Putin-Russland liebt. Nein, die Ungarn lieben nichts und niemanden. Nicht einmal sich selbst.

daStandard.at: "Illiberale Demokratie", Mafiastaat", "Neufeudalismus": Mit solchen Definitionen hat man das Orbán-Regime zu beschreiben versucht. Wie würden Sie das aktuelle politisch-gesellschaftliche System in Ungarn beschreiben?

Tamás: Die liberale Demokratie und die Verfassungsgarantien wurden in Ungarn beseitigt, und es wurde eine ungeheuer starke Exekutive geschaffen, was aber nicht nur für Ungarn charakteristisch ist. Die Gewerkschaften sind in den deutschsprachigen und skandinavischen Ländern noch immer relativ stark, sie existieren aber in Frankreich und Osteuropa nicht einmal. In Ungarn ist die Kirche auch schwach, die Parteien haben wenige Mitglieder, die Menschen wählen kaum. Die Zivilgesellschaft ist furchtbar schwach, die Jugend, wenn überhaupt, nur in der Stadt politisch aktiv. Ein sehr starker Staat steht einer sehr schwachen Gesellschaft gegenüber. Orbán führt diesen Staat mit eiserner Hand, und es ist ihm gelungen, ein paar Wohlfahrtsmaßnahmen zu treffen: Senkung der Wohnnebenkosten, Pensionserhöhung und Steuerreformen.

daStandard.at: Andere nennen das Augenauswischerei und Populismus.

Tamás: Ich glaube das nicht. Das Lebensniveau der Mittelschicht sowie der Konsum und das Bruttoinlandsprodukt sind gestiegen. Dieser Staat ist aber im Gegensatz zu den 60er- und 70er-Jahren überhaupt nicht egalitär, er nutzt nur der Mittelschicht. In Ungarn gibt es einen Klassenkampf von oben, einen rücksichtslosen Kampf gegen vier Millionen Arme. Die Regierung betrachtet die Arbeiterklasse und diejenigen, die noch weiter unten stehen, als eine polizeiliche Frage, gegen diese gibt es Repression. Der Staat versucht die Mittelschicht wirtschaftlich zu fördern, und es ist ihm gelungen, die junge Mittelschicht mit einer militant-nationalistischen Rhetorik zu mobilisieren. Der romafeindliche Rassismus wird verziehen, das Bild "Alle sind unsere Feinde" wurde erschaffen.

Es wurde eine Halbdiktatur geschaffen, deren wichtigste Eigenschaft ist, dass eine neue Herrscherklasse entsteht, die bestimmten sozialen Anforderungen entspricht: junge, weiße, christliche, arische, aktive, der national-konservativen Partei gegenüber loyale Männer mit Diplom im Alter von 25 bis 50 Jahren. Diese erhalten Länder, Unternehmen und Apanage, und sie werden der Rechten ein Leben lang eine treue Prätorianergarde sein. Das ist mit einer selektiven Rehabilitation der autoritären Vergangenheit verbunden: vehement rechts, national, antikommunistisch, wie in den 30er-Jahren. Wichtig ist nicht, dass Orbán über eine Zweidrittelmehrheit im Parlament verfügt, sondern dass 93 Prozent der lokalen Ämter von Fidesz geführt werden.

daStandard.at: Welche Rolle spielen diejenigen, die außerhalb der von Ihnen erläuterten Kategorien stehen?

Tamás: Ihre Rolle ist die wie von vielen meiner Bekannten und von mir selbst: Sie haben kein Geld, sie verarmen. Ich kenne Menschen, die ihre Wohnungen verlieren, sich mit einer niedrigen Pension abmühen, ihre Kinder ins Ausland schicken, weil sie sie nicht unterhalten oder finanzieren können. Ernsthafte existenzielle Verluste haben stattgefunden. Wenn sie mich als relativ bekannten Menschen ohne Weiteres aus meinem Job werfen können, was passiert mit jemandem, über den keiner Bescheid weiß? Die Menschen sind zu Recht sehr erschrocken darüber. 

daStandard.at: Früher sagten Sie, dass der "Antiorbanismus" eine Religion sei. Was sagen Sie zum "Orbanismus"?

Tamás: Er ist ein politischer Kult, der im Zusammenhang mit vielen Diktatoren entstanden ist. Zum letzten Mal gab es in Westeuropa kurzfristig um Charles de Gaulle einen solchen Kult. Das System des Viktor Orbán würde ohne ihn nicht funktionieren. Orbán ist ein sehr begabter Mensch. Seit 2010 machte er etwas anderes als früher. Davor war er auch kein großer Demokrat, aber seit 2010 baut er ein Einparteiensystem auf. Langsam ist er draufgekommen, was er so richtig tun möchte. In kultureller Hinsicht ist das Regime eine seltsame Kombination. Es gibt einen ungeheuren Hass auf die Hochkultur, solche Symbole wie Fußball und Pferdestatuen sind kein Zufall, im Gegensatz zu Philosophie, Film und Theater. Die gesamte moderne ungarische Kultur stuft er als fremd ein, die gesamte konventionelle patriotische Kultur ist das Ideal. Das Orbán-System ist gegen die gesamte ungarische Intelligenz, inklusive der weniger zahlreichen Intelligenz des rechten Lagers.

daStandard.at: Wie kann man dieses Regime bekämpfen?

Tamás: Mit der jetzigen Opposition keinesfalls. Die wirkliche Frage lautet aber nicht, wie, sondern mit wem. Gegen dieses Regime brauchen wir eine radikalere Linke. Ich glaube, es ist unvermeidbar, dass ein entschiedenes sozialdemokratisches und grünes Konglomerat aus denjenigen entsteht, die heute nicht im politischen Zentrum stehen. Wir brauchen eine klare, egalitäre Politik, die die riesige soziale Ungerechtigkeit beseitigt, die für das Land kennzeichnend ist. Schlagen die Demokraten keine Veränderung vor, dann werden das die Faschisten tun. Es gibt kein Vakuum in der Politik. Es ist nicht so, dass sich hier keiner bewegen wird. Die Faschisten sind da, sie sind jung und glauben an ihre Ideen, so gruselig sie auch sind. Ich würde sie nicht unterschätzen. Ungarn hat Riesenglück, dass der Jobbik-Führer Gábor Vona ein schlechter und untalentierter Leader ist, der Gott sei Dank niemanden begeistert. In Ungarn könnte heute ein talentierter junger faschistischer Führer viel erreichen.

daStandard.at: Wie sehen Sie Ungarns Zukunft in den kommenden zehn Jahren?

Tamás: Hier wächst eine Generation heran, die dieser ganzen konventionellen Politik den Rücken kehrt. Nicht aber, weil sie nicht politisiert, sondern weil sie intelligenter und subversiver politisiert, und die Konsequenzen aus der Krise der Marktwirtschaft und des Parlamentarismus zieht und neue Wege sucht. Die Krise der Opposition wird positiven Folgen haben. Mit einem kleinen Glück wird sie neuen Bewegungen im linken Lager ins Leben rufen.

Solche Bewegungen sieht man in anderen osteuropäischen Ländern. Darüber weiß die grande presse meistens nichts, aber eine derartige Linke entsteht gerade in den balkanischen Staaten und in Russland, wovon die Menschen im Jahr 1989 nicht einmal geträumt haben. Es wird sehr interessant sein, die neuen Kunst- und Kulturbewegungen zu beobachten. Von der konventionellen Politik erwarte ich nichts Gutes, ich kann mir aber vorstellen, dass Sozial- beziehungsweise Roma-Bewegungen entstehen, die Druck auf die Regierung ausüben, damit sie die Ungerechtigkeit verringert. Von der traditionellen Linken und Rechten erwarte ich mir aber nicht viel. Kurzfristig können wir mit dem Schlimmsten rechnen. Kurzfristig konsolidiert sich die Rechte, und wahrscheinlich sehen wir einen Aufschwung der Rechtsradikalen. Die chauvinistische, ethnische, rassistische Atmosphäre wird sich kurzfristig fortsetzen.

Was sich derzeit in der ungarischen und osteuropäischen Politik abspielt, ist außerordentlich grässlich, niveaulos, geschmacklos und mies: Der gute Geschmack wird nicht erdulden, dass dieser Zustand ewig andauert. (Balázs Csekő, daStandard.at, 13.2.2014)

Gáspár Miklós Tamás wurde 1948 in Cluj, Rumänien geboren und entfloh 1978 dem Ceausescu-Regime nach Ungarn. Er war ein prominenter Dissident der Kádár-Ära und spielte eine wesentliche Rolle bei der Wende in Ungarn. Später lehrte er an renommierten Universitäten in den USA, England und Frankreich. Heute hält er Vorträge in zahlreichen Ländern Osteuropas und gehört zu den harschesten Kritikern der Orbán-Regierung.

  • "Was sich derzeit in der ungarischen und osteuropäischen Politik abspielt, ist außerordentlich grässlich, niveaulos, geschmacklos und mies", meint Philosoph Gáspár Miklós Tamás.
    foto: balázs csekő

    "Was sich derzeit in der ungarischen und osteuropäischen Politik abspielt, ist außerordentlich grässlich, niveaulos, geschmacklos und mies", meint Philosoph Gáspár Miklós Tamás.

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