Die glückliche Kellnerin von Nouakchott: La Baie d'or

16. Februar 2014, 18:05
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Der österreichische Filmemacher Michael Glawogger hat für das Projekt "Film ohne Namen" in Nouakchott, Mauretanien, Station gemacht

The bill came to $4.60. He was going to leave six, which would keep a dollar in his pocket after the bus. When the old lady came, she said: Whaieee now e’thing OK?

Nodding silently, he took out seven dollars.

Too much she shrieked.

Wearily he pushed it into her hand.

Thank you, t’ank you!

Thank you, he said. As he got up, he watched her fingers tighten ecstatically around the money.

 

Nachdem er den letzten Absatz gelesen hatte, schloss er das Buch und legte es neben sich auf das Bett. Es war zerlesen, wie ein Buch nur zerlesen sein konnte. Der Deckel war verbogen, die Seiten hatten Eselsohren, und viele Stellen waren markiert – teils mit Bleistift, teils mit Kugelschreiber und manchmal mit dem Fingernagel. Nicht, dass er je wieder zu diesen unterstrichenen Stellen zurückgekehrt wäre, um sie zu zitieren oder einfach wieder zu lesen. Es fühle sich nur gut an, sie in dem Moment hervorzuheben, in dem er genoss, sie zu lesen. Er wusste sehr wohl, dass ein derart benutztes, ja geradezu verwüstetes Buch eigentlich nur einen Besitzer haben dürfte, bei dem es dann auch ein Menschenleben lang bleiben sollte. Andererseits war das Buch schwer, es würde sich nach dieser Reise zu Hause im Regal nicht mehr wohlfühlen, und – es war ein Buch, dessen Inhalt man gerne teilte. Also tat er, was er immer tat, wenn er ein solches Buch in einem Hotelzimmer ausgelesen und geschlossen hatte – er suchte nach einem Versteck. Das war nicht einfach, denn Zimmermädchen durfte man nicht unterschätzen. Sie gingen nicht nur gegen jeglichen sichtbaren und unsichtbaren Schmutz und Staub vor, sondern versuchten überhaupt, das Zimmer wieder in jenen Zustand zu versetzen, in dem es gewesen war, bevor ein Gast es betreten hatte.

Fänden sie also das Versteck, so würde das Buch aus dem Zimmer verschwinden und nicht als eine Art geistige Gabe auf jemanden warten, der es – in Ermangelung eigenen Lesestoffs – zu schätzen wüsste. In gehobenen Hotels war es sicher "policy", so ein Buch einfach wegzuwerfen; in einem wie diesem würde es vielleicht in einem Regal am Gang landen, wo es zwischen Dan Brown und dicken Krimis ein trauriges Dasein würde fristen müssen.

Er suchte also, noch auf dem Bett liegend, das Zimmer nach einem Versteck ab, das ein Zimmermädchen nicht, ein geneigter Gast aber sehr wohl finden würde. Er beschloss, es hinter den Spiegel über dem Schreibtisch zu stecken. Dort passte es hin, wenn man es in der Mitte aufgeschlagen dahinter schob. Er selbst hatte die Angewohnheit, den obligatorischen Spiegel über dem Schreibtisch abzunehmen, da er, an diesem Schreibtisch sitzend, sich nicht selbst anschauen wollte. Das brachte jeden Gedanken ins Stocken.

Er dachte, dass es andere geben müsste, die das auch taten, dass ein Zimmermädchen hingegen nie auf den Gedanken käme, mir-nichts-dir-nichts einen Spiegel abzunehmen. Sie machten sich hauptsächlich am Bett und im Badezimmer zu schaffen, wechselten Bettwäsche und Handtücher, legten neue Seife neben das Waschbecken und – je nach Sternenanzahl des Etablissements – auch Shampoo, Conditioner und Hautcreme in die Dusche. Danach leerten sie noch die kleinen Mistkübel und durchsuchten die Laden nach Dingen, die vielleicht vergessen worden waren. Dann wurde natürlich gesaugt und gekehrt. Aber das war es dann.

Das Hotel hier in Nouakchott machte nicht den Eindruck, als würden die Zimmer nach jedem Gast geputzt, und so war die Chance, dass das Buch hinter dem Spiegel bleiben würde, relativ groß. Dass jemand den Spiegel abnehmen würde, war wiederum eher unwahrscheinlich, denn der Schreibtisch war sowieso zu klein für einen Arbeitsplatz – selbst ohne den Fernseher, der darauf gestanden war, bevor er ihn (neben den Spiegel) auf den Boden gestellt hatte. Er änderte also seine Taktik, als er das Zimmer zurückbaute, und stellte den Fernseher so auf den Tisch, dass das Buch ganz natürlich darunter passte. Es gab dem Gerät nur eine leichte Neigung, und so konnte man sogar vom Bett aus besser fernsehen. Das war in doppelter Weise gut: Wer fernsehen wollte, sah besser, und wer den Fernseher umstellte, würde das Buch finden. Er fand diese Vorstellung jedenfalls romantisch.

Vor Jahren hatte er in einem Hotelzimmer in Dir im Norden Pakistans eine deutsche Ausgabe von "Schuld und Sühne" gefunden. Er hatte die ganze Nacht damit verbracht, das Buch wieder zu lesen, und anhand der verschiedenfarbig angestrichenen Stellen versucht, sich die Person vorzustellen, die es dort (absichtlich oder versehentlich) hinterlassen hatte. Dieses Erlebnis hatte ihn in seiner eigenen Gewohnheit des Bücher-Hinterlassens bestärkt. Zufrieden betrachtete er das Zimmer, als er es verließ, hatte aber irgendwie das Gefühl, er würde das Buch selbst wiederfinden, käme er noch einmal hierher. Aber auch das wäre schön.

Er ließ seinen Koffer an der Rezeption, da er schon um ein Uhr mittags auschecken musste, bis zu seiner Abreise Richtung Senegal aber noch Zeit hatte. Er ging ein paar hundert Meter weiter in ein Chinesisches Restaurant. In dieser Stadt, in der Alkoholgenuss streng untersagt war, ging das Gerücht um, dass es bei den Chinesen Bier und manchmal auch Wein zum Essen gäbe. Diese Aussicht schien ihm verlockend. Die Sonne stand hoch am Himmel und der Staub in den Straßen. Es gab keinen Alkohol im "La Baie d’or", und es war stickig heiß in dem kleinen Raum, in dem das Essen serviert wurde. Die winzigen Fenster waren abgehängt, und es brannten, obwohl es Tag war, blaue Sparlampen an der Decke. Er aß scharfen Tofu, klebrig-süßes Schweinefleisch und Pak Choi mit Knoblauch. Dazu gab es Tee in einem Wasserglas. Die Kellnerin rannte etwas ziellos durch den Raum, der voll war mit "Expatriats", die mehr und mehr bestellten. Sie kam aus dem Konzept und wusste nicht mehr, wer was bestellt hatte. Ein Spanier verlangte ungehalten nach seiner Suppe, bedachte die unscheinbare Frau mit Schimpfnamen und verließ schließlich das Lokal. Sie versuchte, weiter freundlich zu sein, aber ihre Stimme kippte bald ins Weinerliche. Er verlangte nach der Rechnung. Er hatte noch etwa siebzehn Dollar in Ouguiya bei sich und hoffte, dass es reichen würde.

Die Kellnerin brachte die Rechnung, die sich auf umgerechnet $14.60 belief. Seinen Bus nach Dakar hatte er schon bezahlt, also würde ihm noch ein bisschen was übrig bleiben. Die Kellnerin lächelte gequält, in der Hoffnung, dass wenigstens bei ihm alles in Ordnung gewesen war.

Er nickte und legte alles Geld, das er noch hatte, auf den Tisch.

Sie machte ihn mit ihrer schrillen Stimme darauf aufmerksam, dass das zu viel wäre.

Mit einer müden Geste drückte er ihr das Geld in die Hand.

Sie dankte ihm mehrere Male.

Er bedankte sich bei ihr.

Als er ging, sah er, wie sie das Geld fest umklammerte und mit einem Lächeln in einer Tasche ihrer verwaschenen Jeans verschwinden ließ. (Michael Glawogger, derStandard.at, 16.2.2014)

  • Die Sonne stand hoch am Himmel und der Staub in den Straßen. Es gab keinen Alkohol im "La Baie d'or", und es war stickig heiß in dem kleinen Raum, in dem das Essen serviert wurde.
    foto: michael glawogger

    Die Sonne stand hoch am Himmel und der Staub in den Straßen. Es gab keinen Alkohol im "La Baie d'or", und es war stickig heiß in dem kleinen Raum, in dem das Essen serviert wurde.

  • Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.
    foto: liz pompe

    Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.

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