Eine heliozentrische Welt entsteht: Der erste Kopernikaner kam aus Vorarlberg

15. Februar 2014, 13:01
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Mathematiker, Astronom und Arzt wurde vor 500 Jahren in Feldkirch geboren - Rheticus vertrat als einer der ersten Gelehrten das heliozentrische Weltbild

Bregenz - Anlässlich des 450. Jahrestags seiner Geburt ist zur Zeit Galileo Galilei in aller Mund. Seine Leistungen für die Astronomie im Speziellen und für die Naturwissenschaften insgesamt werden zu Recht gepriesen, doch gerne vergisst man darüber, dass andere die Grundlagen für die damaligen Umbrüche im anerkannten Weltbild gelegt haben. Einer davon kam am 16. Februar vor 500 Jahren in der Vorarlberger Stadt Feldkirch zur Welt: Georg Joachim Rheticus. Der Name des Mathematikers, Astronomen, Kartografen und Arztes ist in der Wissenschaftsgeschichte untrennbar mit Nikolaus Kopernikus verbunden. Rheticus sorgte als Schüler des polnischen Astronomen dafür, dass dessen Idee vom heliozentrischen Weltbild Verbreitung fand.

Rheticus kam als Sohn des Stadtarztes und Bücherfreundes Georg Iserin aus Veltlin und der lombardischen Adeligen Thomasina de Porris zur Welt. Seinem Vater, der im Volk als Zauberer galt, wurde sein wissenschaftliches Interesse zum Verhängnis, er wurde 1528 hingerichtet. Der damals noch nicht 14-Jährige, der sich schon früh für Mathematik interessierte, nahm den Namen der Mutter an, gelegentlich als von Lauchen übersetzt. Nach der angesehenen Lateinschule in Feldkirch, wo er in Mitschüler Konrad Gessner einen lebenslangen Freund gewann, besuchte Rheticus die Frauenmünsterschule in Zürich.

Ab 1532 studierte Rheticus dank eines Empfehlungsschreibens des späteren Feldkircher Stadtarztes und Gelehrten Achilles Pirmin Gasser in Wittenberg bei Melanchthon. Schon vier Jahre später erhielt er einen Lehrstuhl für Mathematik und Astronomie, ab da in Anlehnung an seine Heimat in der ehemaligen römischen Provinz Raetia als Rheticus bekannt. Um 1538 dürfte er erstmals von den Lehren des Kopernikus erfahren haben, die sich in Gelehrtenkreisen herumgesprochen hatten, aber noch nicht veröffentlicht waren.

Unterstützung beim Entwurf einer heliozentrischen Welt

Rheticus besuchte Kopernikus 1539 in Frauenburg (Frombork, Polen) und unterstützte diesen während seines zwei Jahre dauernden Aufenthalts bei der Vollendung seines Manuskripts. 1540 veröffentlichte der Vorarlberger Gelehrte einen ersten Bericht über das heliozentrische Weltbild, die sogenannte "Narratio prima". Es gelang ihm, Kopernikus zu einer Veröffentlichung seiner Schriften zu überreden. Rheticus brachte das Manuskript nach Nürnberg, wo es 1543 kurz vor Kopernikus' Tod als "De Revolutionibus Orbium Coelestium" ("Über den Umlauf der Himmelskreise") gedruckt wurde. Weil die neue Lehre großteils, auch bei Luther und Melanchthon, auf Ablehnung stieß, gab Rheticus seinen Lehrstuhl in Wittenberg auf und ging als Mathematiker und Astronom an die Universität Leipzig.

Ab 1545 besuchte er in Mailand Gerolamo Cardano, verbrachte dann einige Zeit in Zürich bei Gessner und begann ein Medizinstudium. 1548 nach Leipzig zurückgekehrt musste er die Stadt 1551 wegen einer homosexuellen Affäre mit einem seiner Studenten verlassen. Sein Medizinstudium schloss er daraufhin in Prag ab und ließ sich 1554 als Arzt und Privatgelehrter in Krakau nieder. Den Ruf an die Universitäten Paris und Wien lehnte er ab. Er beschäftigte sich mit vielfältigen Arbeiten zu Mathematik, Chemie, Astronomie, Mineralogie, aber auch Astrologie und Magie. Rheticus fertigte zudem eine lateinische Übersetzung der Werke des Paracelsus an, dem er in seiner Jugend einmal begegnet war.

Später Ruhm

Unbeirrt kämpfte er weiterhin für die Anerkennung der Lehren Kopernikus', wonach sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Er starb 1574, von der damaligen Wissenschaft unbemerkt, in Kaschau, dem heutigen Kosice in der Slowakei. Posthum erschien 1596 sein mathematisches Tafelwerk "Opus Palatinum", das seinen Ruf als führender Mathematiker seiner Zeit festigte. 77 Jahre später setzte ihm die Wissenschaft ein erstes Denkmal und gab einem Mondkrater den Namen "Rheticus", in den 1990er-Jahren wurde ein Asteroid nach ihm benannt.

Die Stadt Feldkirch feiert den 500. Geburtstag ihres berühmten Sohnes mit einer Reihe von Veranstaltungen. So ist von 15. Februar bis 19. Dezember 2014 eine Ausstellung im Palais Liechtenstein zu sehen, am 16. Februar wird seiner bei einem Festakt in der Schattenburg gedacht. Zudem werden Themenführungen, Vorträge und eine Podiumsdiskussion angeboten. Am 23. April 2014 wird ein umfangreiches Buch von Philipp Schöbi und Helmut Sonderegger zu Leben und Werk des Rheticus präsentiert. (APA/red, derStandard.at, 15.2.2014)


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