Serge Dassault: Der tiefe Fall eines Senators

12. Februar 2014, 21:36
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Französischer Unternehmer Dassault steht vor U-Haft

Das Szenario gäbe einen starken Politkrimi her: Ein französischer Senator, der seinem Land Anstand beibringen wollte, wird im hohen Alter von seinen eigenen Methoden eingeholt. Die Kulisse bietet Corbeil-Essonnes, ein Pariser Vorort mit der berüchtigten Banlieue-Siedlung Les Tarterêts.

Bis 1995 regierten hier die Kommunisten. Dann eroberte die Rechte den Arbeiterort. Was die Genossen besonders erbitterte: Der Wahlsieger, der sich mit der eigentlich unbedeutenden Vorstadt ein politisches Standbein sicherte, war Serge Dassault: Unternehmer der alten Schule, Rüstungsproduzent und Schöpfer des Rafale-Kampfjets, zudem Besitzer des konservativen Blattes Le Figaro und Senator der Sarkozy-Partei UMP. Dassault ist die graue Eminenz der Rechten: Der 88-Jährige gilt als politisch-affektiver Pate von Präsidenten wie Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy.

Dreimal rannten die Kommunisten vergeblich gegen die neue Rechtsbastion an. Dassault wurde immer wieder gewählt, oft nur hauchdünn. 2010 trat er das Rathaus dann an seinen Protegé Jean-Pierre Bechter ab; aus dem Hintergrund dirigierte er aber weiter.

Damit dürfte jetzt Schluss sein. Der Senat in Paris hat die parlamentarische Immunität Dassaults am Mittwoch ohne Gegenstimme aufgehoben. Die Vorwürfe wiegen schwer: Der Milliardär, der in seinen Figaro-Leitartikeln Lektionen in Demokratie erteilte, soll sich seine Wahl(en) gekauft haben.

In Les Tarterêts erzählt man sich seit Jahren, wie Dassault den Marktfrauen Geld zusteckt. Das klang so unglaublich, dass kaum jemand die Schilderungen der beschenkten Maghrebiner und Afrikaner ernst nahm; bis die ersten Schüsse fielen. Ein gewisser Rachid Toumi wurde am 29. Jänner 2013 angeschossen. Drei Wochen später wurde der Ex-Boxer Fatah Hou von einem Schützen aus dem Umfeld Dassaults aufs Korn genommen; auch er überlebte knapp.

Schussattentate

Toumi und Hou haben zwei weitere Dinge gemeinsam: Sie trommelten für Dassault Jungwähler zusammen, denen sie Geld oder Jobs versprachen – sie selbst gingen leer aus. Daher wurden sie bei Dassault vorstellig und filmten das Gespräch geheim. Der Senator verteidigte sich: Er habe seinem Vertrauensmann schon "alles gegeben". Das behauptet auch Le Canard Enchaîné: Dassault habe 1,7 Millionen Euro überwiesen.

Die Justiz verfügt auch über einen Telefonmitschnitt, in dem Protegé Bechter erzählt, Dassault habe ihn nach dem Attentat auf Hou lachend gefragt, ob er ihm Blumen schicken solle.

Dassault dürfte in Kürze in Untersuchungshaft kommen und danach angeklagt werden. Am Mittwoch ist seine Herrschaft weit über Corbeil hinaus, und vielleicht seine ganze Karriere, auf einen Schlag zu Ende gegangen. (Stefan Brändle aus Paris /DER STANDARD, 13.2.2014)

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