Das erste Mal zu sterben ist leicht

Kommentar der anderen12. Februar 2014, 18:54
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Folter, Schläge, Frost und Tod: In der Ukraine gehen die Henker um. Sie führen tierische Lebensregeln ein, durch die alle böse werden. Auch die, die sich nicht für die politischen Verhältnisse interessieren. Ein Appell an die Gleichgültigen

Erscheint in einer Stadt ein Serienmörder, kann sich keiner mehr in Sicherheit fühlen. Unsere Situation ist schlimmer – unser Land wird von einem Serienmörder regiert, dem eine ganze staatliche Repressionsmaschine zur Verfügung steht. Es ist nicht einfach, einen Serienmörder aufzuspüren, denn er führt oft ein gewöhnliches Leben. Unser Serienmörder ist schlimmer, er versteckt sich nicht einmal. Im dritten Jahr seines Präsidentenamts lässt Wiktor Janukowitsch Menschen entführen, foltern, töten, mit gefesselten Armen erfrieren.

Meine Frage an die Gleichgültigen: Sind Sie bereit, im Land eines Serienmörders zu leben?

Wenn Sie meine Frage verneinen, dann ist es bereits zu spät. Wir leben bereits in einem solchen Land. Sie haben das nur noch nicht bemerkt. Weil Sie noch nicht dran waren. Ich weiß, was ich schreibe, weil ich eine von denen bin, die an der Reihe waren.

Vor kurzem habe ich einem Gespräch am Majdan zugehört: Ein Halberschlagener fragte einen Halberschossenen, was der im Moment des Schusses gespürt habe. Die Antwort interessierte mich, weil es heutzutage viel realistischer ist, zur Zielscheibe zu werden, als zum Beispiel ins Kino zu gehen. Der Halberschossene erzählte, dass es nicht zu sehr wehtue. Du wirst zuerst ein Stück zurückgeschleudert und dann verlierst du das Bewusstsein. Nach seiner Antwort habe ich ihm lustig mitgeteilt, dass man Ähnliches fühlt, wenn man auf den Kopf geschlagen wird. Die Ohnmacht rettet vor den Schmerzen.

So ein fröhliches Gespräch haben wir geführt, weil ein schmerzloser Tod sicherlich Teil unseres heutigen Wertekanons ist.

Gleichgültige, stellen Sie sich nur mal vor, wofür wir uns hier interessieren, denn, wenn Sie weiterhin gleichgültig bleiben, kann das einmal auch für Sie interessant werden. Sie müssen verstehen, in was für eine schreckliche parallele Realität wir geraten sind, wir, die wir eigentlich "Treibhauskinder"  sind, die unser ganzes Leben das Spiel "Frieden und Liebe"  trieben, vielleicht nur ein bisschen romantischer und idealistischer waren als die anderen. Deshalb waren wir als Erste dran.

Die Tatsache, dass Dmitrij Bulatow lebt, wird als Wunder empfunden. Ich muss ehrlich sein: Ich hielt Dmitrij bereits für tot. Wenn ich auf die Straße ging und den eisigen Frost spürte, sah ich vor meinem geistigen Auge düstere Bilder von seinem Erfrieren im Wald. Deshalb war ich sehr froh, als Bulatow lebendig gefunden wurde, ich war nicht einmal traurig, dass man ihn gefoltert hatte: Das Wichtigste: Er lebt. Aber tief im Herzen bin ich dessen nicht sicher. Ich weiß nicht, was jetzt gut ist. Denn in unserer Realität kann das Überleben bedeuten, dass die Henker dich später ermorden. Das erste Mal zu sterben ist leicht.

Ich weiß, wie ich auf der Boryspil-Straße nach den endlosen Schlägen das Bewusstsein verlor – mit dem Gedanken, dass es das Ende sei. Und das zweite Mal zu sterben ist schwer. Weil heute alles anders geworden ist, weil zu sterben heute zu wenig ist. Verantwortungslos. Man muss siegen, obwohl das viel schwieriger ist. Wir müssen siegen, denn das ist unsere Pflicht, denn wir opfern uns. Es ist ja bekannt, dass die, die zum Tod bereit sind, unvergleichlich mehr zählen, als viele, die zu töten bereit sind. 

Unser Sieg aber hängt weniger von unseren Eigenschaften ab als vor allem von der Zahl der Nicht-Gleichgültigen. Deshalb wende ich mich an die Gleichgültigen und Apolitischen: Das Wichtigste ist nicht gleichgültig zu sein.

Unlängst hat die Miliz versucht, den gefolterten Bulatow zu verhaften. Ist das denn kein Anlass für die Kiewer, ihn zu unterstützen? Vor dem Krankenhaus, in dem Bulatow liegt, stand aber nur ein kleiner Haufen Menschen. Ich bin ihnen dankbar, weil der Frost schier unerträglich war. Dabei aber sah dieser kleine Haufen der Nicht-Gleichgültigen eher merkwürdig aus vor dem Hintergrund tausender beleuchteter Fenster im Wohnviertel Pozniaki. Tausende von solchen, die von nichts wissen wollen.

Wenn die Banditen tierische Lebensregeln im Land einführen, werden wir alle schlecht, sehr schlecht. Zu schrecklichen Dingen bereit. Eben deshalb, Gleichgültige, darf man nicht abseitsstehen, wenn die Stunde schlägt. Wenn man das Schrecklichste noch aufhalten kann. Gleichgültige, stellen Sie sich vor, was die Henkerkaste tun wird, wenn die Repressionsmaschine von Janukowitsch den Majdan überrollt. Sie werden dasselbe tun, was sie immer getan haben – töten werden sie. Und dann werden Sie uns, die Majdan-Aktivisten, beneiden. Weil es uns in diesem schrecklichen Land des Serienmörders, im Land der Angst und der sprachlosen Zuseher nicht mehr geben wird. Sie werden Henker, Sie werden Opfer, und die meisten von Ihnen werden einfach zu Vieh degradiert. Denken Sie jetzt darüber nach. Später wird es zu spät sein. (Tetjana Tschornowol, Übersetzung: C. Nazarkewytsch, DER STANDARD, 13.2.2014)

Tetjana Tschornowol (Jg. 1979) ist Journalistin und Maidan-Aktivistin. Am 25. Dezember 2013 wurde sie von der Polizei brutal verprügelt.

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